Auf zu neuen Ufern, zum Strandgut des Lebens

Unsere Gedanken kommen und gehen wie Ebbe und Flut. Sie werden angespült wie Strandgut ans Ufer des Lebens. Und oh Wunder, je nach Stimmung und Gesinnung werden sie zu Kunstwerk oder Plunder. Kolumne.

@ Andreas Beers

Gestern schaute ich nach langer Zeit mal wieder aufmerksam in den Spiegel. Was entdeckte ich da? Ein paar neue feine Falten um Mund und in den Augenwinkeln. Und nicht nur das, was ich auch noch sah, waren Spuren und Bewegungen vergangener Zeiten. Erinnerungen wurden sogleich angespült wie Strandgut aufs Land. Wie ein Strom von Wasser schossen frühere Erlebnisse in die Gegenwart herein. Was ist, ist ein Gleichnis aus Erlebtem und was war, ist nicht zu werten. Allein diesen Sinn zu erkennen, ist Massstab und das Wesentliche im Leben. Ebbe und Flut bilden markante Spuren im Sand. Sie tragen von Nah und Fern ans Ufer heran die merkwürdigsten Dinge: Fundstücke, Wertloses, Müll oder Kunstvolles und Schönes – es ist was es ist, und es wird daraus, wie ich es am Ende benenne.

Strände weiss wie Schnee oder schwarz wie Ebenholz. Küsten und Klippen aus schroffem Felsen gerissen, geformt und aufgetürmt aus Kreide oder Kalk. In jedem Fall Vergangenes, veränderte Materie durch Rhythmus, Kraft und Dauer. Das Leben ist wie die See, es hinterlässt Gefühle wie Spuren im Sand. Das Leben zeichnet und modelliert uns, in Antlitz, Geste und Gemüt. Mit anderen Worten: Meine Falten im Gesicht sind die Spuren im Strand meines Lebens.

Da kommt mir sofort Stefan Zweigs Buch «Magellan, der Mann und seine Tat» in den Sinn: Der portugiesische Generalkapitän und Seefahrer Fernão de Magalhães stach im September 1519 in See, in die unendlichen Weiten der Weltenmeere. Sein Wagemut und Wille dies zu tun, war nicht die Heuer oder das Gold. Nein, es war das Unbekannte und die Hoffnung Neues zu entdecken. Die Welt ist eine Kugel keine Scheibe! Das war die alte Weisheit, die in der Brust dieses Mannes erneut entflammte. Oder wie Stefan Zweig diese Seelenstimmung treffend beschreibt: «Doch nichts Besseres als eine Wahrheit die unwahrscheinlich wirkt. Immer haftet den grossen Heldentaten der Menschheit, weil sie sich so hoch über das mittlere irdische Mass erheben, etwas Unbegreifliches an; aber immer gewinnt nur an dem Unglaubhaften, das sie geleistet, die Menschheit ihren Glauben an sich selbst zurück».

Auf zu Neuen Ufern können wir heute wohl kaum noch sagen, und Helden wie Magellan sind ja ohnehin schon lange ausgestorben. Alle Gestade auf unserer fast kugelrunden Erde sind schon vermessen und bekannt. Gibt es also noch was Neues zu entdecken? Sicher nicht im Aussen. Da ist schon alles gesichtet, gekauft, zerwühlt, verbaut und hier und dort auch schon versaut. Vielleicht schauen wir zur Abwechslung ganz heldenhaft nach Innen, an die Gestade unserer Seele, um über das Treibgut, das sich dort angesammelt hat, mal nachzusinnen.

 

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät, pflanzt und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen. Kontakt: [email protected].

«Hier ruht am kleinen letzten Strande, der Kapitän des Endes. Jenseits des Staunens ist das Meer sich gleich. Keinen mehr schreckt es. Ein zweiter Atlas zeigt, hoch auf seinen Schultern, die Welt». (Fernando Pessoa)