Die Rückeroberung der Medizin

In bester Stimmung über Missstände reden – dieses kleine Wunder ereignete sich am 20. September im Kongresshaus Zürich. Die «akademie menschenmedizin» gab mit einer Tagung zum Thema «Mensch, Markt, Medizin» den Startschuss zu ihrer Arbeit.

Die globale Misere scheint uferlos. Wohin man schaut: Schwierigkeiten, Hindernisse und Verschlimmbesserungen. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich den offiziellen «Lösungen» versagen, die Wahrheit aussprechen und sich gemeinsam auf den Weg machen. Über 150 solche Menschen, vornehmlich aus dem Gesundheitswesen und einige mit klingenden Namen, trafen sich pünktlich zum Herbstbeginn zu einem ersten Schritt zur Befreiung der Medizin von den unbarmherzigen Gesetzen des Marktes. Trotz des ernsthaften Themas wurde erstaunlich viel gelacht an diesem bemerkenswerten Tag. Anlass dazu gab schon der erste Referent, der Ökonom Mathias Binswanger mit seinem Thema «Der Denkansatz des Wettbewerbs und sinnlose Aspekte im Gesundheitswesen». Vor allem in stark reglementierten oder von Monopolen bestimmten Bereichen werde gerne versucht, «die Effizienz des Marktes herbeizuzaubern, indem man künstliche Wettbewerbe inszeniert. Als Beispiel nannte Binswanger etwa die Wissenschaft, wo der Erfolg anhand der Zahl der Veröffentlichungen gemessen wird. Darum wird ein Thema gerne auf mehrere Publikationen verteilt und darin «mit Jargon und Mathematik von der Banalität des Inhalts abgelenkt».


Auch das Gesundheitswesen, wo man den freien Markt aus naheliegenden Gründen nicht spielen lassen kann, ist bestimmt von künstlichen Wettbewerben. Ein vorläufiger Höhepunkt ist mit der Einführung der Fallpauschale erreicht, die nach Ansicht von Binswanger «perverse Anreize» setzt. Sie beginnen mit der «Patientenoptimierung», also der Auswahl der Patienten mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis und enden mit der Verlagerung von Kosten in andere Bereiche. So sind in den USA als Folge der Fallpauschalen die Behandlungskosten in den Spitälern zwar um 30 Prozent gesunken, aber die der Pflegeeinrichtungen um fast 50 Prozent gestiegen. Binswanger hält es auch für problematisch, Qualität messbar zu machen. Das führe zu immer mehr Indikatoren und einer enormen Bürokratie – mit oftmals zweifelhaftem Aussagewert. So erreichen in Grossbritannien 96,8 Prozent der Ärzte das Punktemaximum auf einem Qualitätsindex mit 146 Indikatoren – ein Land voller perfekter Ärzte. Künstliche Wettbewerbe – typischerweise in Punkten gemessen und in Geld oder Statusgewinn honoriert – haben auch eine Tendenz, die in uns liegende Motivation zu zersetzen. Seit es Geld gibt fürs Spenden von Blut ist seine Qualität merklich gesunken. Anderes Beispiel: Wenn Kinder die Wahl haben, suchen sie sich in der Regel schwierige Aufgaben – und lernen viel. Werden sie für richtige Lösungen belohnt, bevorzugen sie leichtere Aufgaben und brechen so ihre eigene Neugier. Mehr über die problematische Wirkung künstlicher Wettbewerbe und eine Fülle absurder Beispiele finden sich in Binswangers lesenwertem Buch «Sinnlose Wettbewerbe: Warum wir immer mehr Unsinn produzieren» (Herder 2012).


Preisüberwacher Stefan Meyerhans war danach bemüht, die Marktkräfte im Gesundheitswesen in ein besseres Licht zu rücken. Aber auch er musste zugeben: «Wenn der Kunde nicht selber bezahlen muss, ist dies für den Anbieter eine phantastische Situation» – mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen. Während das Bruttoinlandprodukt seit Einführung des Krankenversicherungsgesetzes um 46,2 Prozent gestiegen ist, verdoppelten sich die Gesundheitskosten, während die Nettolöhne nur um 19,2 Prozent stiegen. Rhetorische Frage: Sind wir jetzt auch doppelt so gesund? Die Prämien sind mittlerweile so hoch, dass jeder dritte Versicherte subventioniert werden muss. Meyerhans beklagte den «Tageskarten-Effekt» im Gesundheitswesen, der dazu führe, dass die Versicherten möglichst viele Leistungen bezögen. Da erhofft er sich von der Fallkostenpauschale, die an der Tagung wiederholt kritisiert wurde, eine Verbesserung.

 Wie eine «Menschenmedizin» auszusehen hätte, erklärten Christian Hess, ehemaliger Chefarzt am Spital Affoltern und die Psychotherapeutin Annina Hess-Cabalzar, Präsidentin der veranstaltenden «akademie menschenmedizin». Sie beginnt mit der Korrektur des naturwissenschaftlich-materialistischen Menschenbilds der Medizin, die den Menschen als «Einheit von Körper, Geist und Seele» begreifen müsse. Zur Behandlung gehöre deshalb auch eine «säkulare Seelenpflege» mit Psychologie, Philosophie und Kunst sowie der Einbezug des sozialen Umfelds der Patienten. Dies bedingt Mehrleistungen. Aber die 20-jährige Erfahrung am Spital Affoltern zeige auch, dass sich das lohne, sagte Christian Hess. Immerhin hat das Knonauer Amt mit dem Spital Affoltern als Zentrum die tiefsten Krankenkassenprämien des ganzen Kantons Zürich. Auch Christian Hess sieht durchaus Möglichkeiten für mehr Markt im Gesundheitswesen, aber nicht am Patientenbett, sondern bei Geräten, Medikamenten oder den Informationstechnologien. Gerade dort findet er aber nicht statt. Hilfreich wäre schon, wenn die Patienten die sogenannte «numbers to treat» kennen würden – die Zahl der Patienten, die ein bestimmtes Medikament schlucken müssen, um in einem einzigen Fall zu einem Erfolg zu führen. Bei den oft verwendeten Cholesterinsenkern beträgt diese Zahl 249. Auf deutsch: Von 249 Behandlungen führt nur eine zum gewünschten Ergebnis.

Ergreifend waren die Schilderungen der Nachwuchskräfte, zwei Assistenzärzten und einer Pflegefachfrau, über den Spitalalltag. Zeitmangel und das Übergewicht der administrativen Aufgaben sind die dominierenden Faktoren. Richard Valek beschrieb eindrücklich, wie er das Patientengespräch mit der Untersuchung zu kombinieren versucht und dabei beides unter mangelnder Aufmerksamkeit leidet. Und Lea Stocker beklagte, dass der Computer meist näher ist als der Patient. Tatsächlich verbringen Spitalärzte weit mehr Zeit mit administrativen Aufgaben als mit Patienten.
Der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler zeigte seinerseits auf, welche Kräfte neben den ökonomischen zu der fortschreitenden Entmenschlichung der Medizin führen: Die Ärzte müssen Studien befolgen, die gar nicht von Ärzten stammen. Von den letzten 20 Nobelpreisen in Medizin ging kein einziger an einen Praktiker; sechs Preisträger hatten immerhin Medizin studiert.

Ein solcher Tag kann natürlich nicht einfach zu Ende gehen, sonst ist die ganze Aufbruchstimmung mit dem nächsten Montagmorgen verpufft. Die Teilnehmer verabschiedeten einstimmig zwei Forderungen: die Reintegration der Geisteswissenschaften in die Medizin in Ausbildung und Praxis und die seriöse ökonomische Prüfung einer versorgungsorientierten, menschengerechten Medizin. Der Verdacht ist nämlich mehr als begründet, dass eine Medizin, die den ganzen Menschen ins Zentrum stellt, auch wirtschaftlicher ist. Nur wollte das erstaunlicherweise bisher niemand wissen. Diskutiert wurde auch die Bildung eines Gesundheitsparlamentes als Gegengewicht zu den von Lobbyisten dominierten gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen. Und über 40 Teilnehmer zeigten sich bereit, die Förderung der Menschenmedizin gemeinsam weiter zu verfolgen. Die Vorschläge reichen von einer Abkoppelung der ärztlichen Tätigkeit von den Interessen der Pharma und der Gerätehersteller über die Einsetzung humanistisch gebildeter Ärzte in die Spitalleitungen bis zur Förderung der Selbstkompetenz der Patienten. Der Geist, der die Medizin wieder durchdringen will, gibt also nicht so schnell auf.  

 
Die Organisatoren der Tagung (v.l.n.r.): Stephan Bachmann, Christian Hess, Annina Hess-Cabalzar, Stefan Uhlig. (Fotos: Rolf Lyssi) 

Anfangs Dezember erscheint der Tagungsband «Mensch-Markt-Medizin» (Fr. 19.80) und am 9. Januar trifft sich die «Plattform Mensch Markt Medizin» in Zürich, um ihre gesundheitspolitischen Thesen und Forderungen zu präzisieren. Vorschläge können bis zum 20. Dezember eingereicht werden. Infos und Bestellungen unter www.menschenmedizin.ch
05. November 2013
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