Nicht die Natur des Menschen entscheidet – sondern die Kultur
Ob wir kooperieren oder egoistisch handeln, hängt weniger von unseren Genen ab als von den sozialen Regeln und Gemeinschaften, in denen wir leben.

Der englische Evolutionsforscher Jonathan R. Goodman, Autor des Buches «Invisible Rivals: How We Evolved to Compete in a Cooperative World» (2025), stellt in einem ausführlichen Essay die alte Frage nach der Natur des Menschen neu.

Seine zentrale Erkenntnis: Menschen sind weder von Natur aus selbstlos noch grundsätzlich egoistisch. Sie verfügen über die Fähigkeit zu beidem. Welche Seite zum Vorschein kommt, hängt vor allem von den sozialen Strukturen und Normen ab, die ihr Verhalten prägen.

Zwar zeigen viele Studien, dass Menschen oft fair und kooperativ handeln. Dabei wird deutlich Kooperation entsteht meist dort, wo Vertrauen, Transparenz und soziale Kontrolle vorhanden sind. Wo Betrug unentdeckt bleibt oder belohnt wird, nehmen Egoismus und Ausbeutung zu. Menschen passen ihr Verhalten den Umständen an.

Goodman widerspricht deshalb sowohl dem romantischen Bild eines ursprünglich harmonischen Zusammenlebens als auch der Vorstellung eines unverbesserlichen Egoisten. Historische und ethnologische Beispiele zeigen, dass Kooperation und Machtmissbrauch seit jeher nebeneinander existieren.

Entscheidend ist für den Autor deshalb nicht die Frage, wie der Mensch «wirklich» ist, sondern welche Gesellschaft wir schaffen. Lokale Gemeinschaften, gemeinsame Werte, Bildung und Institutionen bestimmen wesentlich, ob Fairness oder Opportunismus gefördert werden. Eine gerechte Gesellschaft entsteht nicht von selbst. Sie braucht Regeln, die Zusammenarbeit belohnen und Ausbeutung erschweren.

Die eigentliche Hoffnung liegt somit nicht in einer angeblich guten menschlichen Natur, sondern in unserer Fähigkeit, soziale Räume zu schaffen, in denen Kooperation zur vernünftigen und attraktiven Wahl wird.


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