Natürlich: Das Einfrieren des Status quo wäre das Mindeste, noch besser die Wiederbelebung der erstorbenen diplomatischen Kanäle, noch besser Abrüstung von Hardware und Software, sprich: die Entsorgung von Feindbildern. So wichtig das alles wäre, so wenig hoffe ich noch darauf. Wer in die Nähe eines grossen Strudels gerät, wird unweigerlich hineingezogen, das war bei den zwei Weltkriegen so, weshalb sollte es heute anders sein?
Anmerkung am Rande: Der Wert einer Rheinmetall-Aktie lag vor Beginn des Ukrainekriegs bei ca. 100 Euro. Jetzt, Anfang August 2026, liegt er bei 1.720 Euro.
Geistige Abrüstung
Also in Hilflosigkeit verharren? Nein. Was ansteht – und seit 1945 versäumt und von keiner Friedensbewegung bisher gefordert wurde –, ist die geistig-seelische Abrüstung, genauer: die geistige und die seelische Abrüstung. Wir müssen den Vorkriegszustand aus unserer psychischen Verfasstheit entfernen.
Frustrationstoleranz als Grundlage des Vorkriegszustands
Beginnen möchte ich mit der Frustrationstoleranz. Gemeint ist damit die lebenslang zu vertiefende persönliche Fähigkeit, Enttäuschungen, Rückschläge und unerfüllte Wünsche auszuhalten, ohne wütend zu werden oder sich hilflos zu fühlen. Bei meinen Kindern und Enkeln konnte und kann ich gut beobachten, wie schwer es fällt, diese Fähigkeit zu erlernen, denn am einfachsten wäre es doch, alles, was unser Ego infrage stellt oder gar angreift, zu unterdrücken oder gleich kurz und klein zu schlagen. Doch weder gegenüber Mama und Papa noch später bei Freunden und Partnern funktioniert das. Die gewonnene Frustrationstoleranz hilft uns, Situationen nüchtern auf ihre Dimensionen und Hintergründe einzuschätzen und nicht zu überreagieren. Und ganz nebenbei schenkt sie uns ein Stück Gelassenheit und einen erweiterten Handlungsspielraum – etwa den, die eigene Fehleinschätzung zu erkennen.
Frage zwischendurch: Wie steht es mit der Frustrationstoleranz zwischen gesellschaftlichen Gruppen oder Nationen? Wie schnell ist man da beleidigt oder möchte am liebsten zurückschlagen. Wären nicht auch da Nüchternheit und Gelassenheit angesagt?
Othering als Grundlage des Vorkriegszustands
Aber zurück zu mir und dir. Zum geistigen Vorkriegszustand gehört so mancherlei, das uns erlaubt (ja: erlaubt), manchmal sogar nahelegt, aggressiv zu reagieren: eine gepanzerte Weltanschauung, Normen, Glaubenssätze, Vorurteile, Bewertungen, Überheblichkeit und vor allem: Othering. Damit ist die scharfe Abgrenzung gegenüber anderen und deren – quasi selbstverständliche – Abwertung. Einfachstes Beispiel: So sind Frauen/Männer eben. Ähnlich häufig ist das Othering gegenüber Kindern und Jugendlichen sowie sexuell Andersorientierten (meist in beide Richtungen: typischerweise z. B.: «Na ja, Erwachsene eben.») Othering ist die schädlichste «Kompetenz», die man während der Pubertät erwirbt und so gut wie nie mehr ablegt. Das Othering gegenüber allem mehr als menschlichen Leben wäre ein ganz eigenes Thema.
Seelische Abrüstung
Zu den seelischen, den mentalen Vorkriegszustand zementierenden Grundlagen gehören: Soziopathie, Gier, Angst, Empathieunfähigkeit, Wankelmut. Ich denke mal, Gier, Angst und Wankelmut muss ich in diesem Zusammenhang erläutern.
Die einfache Gier
Der einfache Aspekt der Gier lässt mich immer mehr haben wollen, es ist ein Grundzug des Habens; mehr von allem, dann auch Habgier genannt (dabei sei auch an das inzwischen ungebräuchliche Eigenschaftswort «raffsüchtig» erinnert), die nicht umsonst im Christentum zu den sieben Todsünden gehörte und gehört; interessanterweise ist ein Teil davon in unser Strafgesetzbuch übergegangen. Tötet jemand aus habgierigen Motiven heraus, gilt das nicht mehr als Totschlag, sondern als Tatbestandsmerkmal des Mordes.
Spannend auch, dass anders als in einigen christlichen Gruppierungen Reichtum im Islam nicht als Beweis göttlicher Gunst gilt, sondern als Prüfung Gottes. Sure 102:1–2 besagt: «Das Streben nach Mehr lenkt euch ab, bis ihr die Gräber besucht.» Wer Vermögen nur anhäuft und nicht teilt, verletzt nach klassischem islamischen Verständnis eine religiöse Pflicht. Der Buddhismus geht noch weiter und betrachtet Habgier als eine der Hauptursachen allen Leidens. Habgier ist hier eine grundlegende geistige Verblendung, die Leiden hervorbringt und den Menschen im Kreislauf von Unzufriedenheit und Wiedergeburt gefangen hält. Nicht Reichtum sei das Problem, sondern das «Anhaften» am Reichtum. Auf gut Deutsch: Jemand klebt an seinem Besitz bzw. Geld. Sehr viel einfacher und grundlegender ist in den meisten indigenen Gemeinschaften der Umgang mit Habgier. Da die jeweilige Gruppe von der sozialen Orientierung ihrer Mitglieder lebt und davon abhängig ist – extrem etwa bei traditionell lebenden Inuit –, gilt Habgier schlicht als asoziales Verhalten.
Die komplexe Gier
So weit also der «einfache» Aspekt der Gier; ihr komplexer Aspekt besteht darin, dass «etwas» oder gar «alles» in mir mich dazu drängt, das Bild meiner Mitmenschen und meiner Mitwelt laufend zu bestätigen: Ja, so sind sie, die Franzosen, die Deutschen, die Russen, die Chinesen. Dieser Drang nach Wahrheitsbestätigung unterscheidet sich vom geistigen Othering und wirkt sowohl als dessen Auslöser wie auch Verstärker. Je schütterer und störungsanfälliger meine Persönlichkeit, desto stärker ist diese Gier nach Selbstbestätigung.
An dieser Stelle befindet sich der fliessende Übergang zur Angst. Das Unbekannte jagt uns Angst ein, weil wir dafür keine Schublade zur Verfügung haben. Ist der dünne, lange Schatten auf dem Boden eine Schlange? Angst kommt auf. Nein, es ist nur ein Stock – und die Angst verfliegt. Was in diesem Beispiel schnell auftaucht und wieder verfliegt, ist bei innerlich ablaufenden Ängsten weitaus schwieriger. Warum hat mich der Chef neulich so seltsam angeschaut? Warum erzählt mir mein Partner nichts vom letzten Wochenende? Was, wenn ich meinen Job verliere? Kann mir diese Hübsche meinen Partner ausspannen? Kann ich in Sachen Potenz mit einem Franzosen/Spanier/Lateinamerikaner konkurrieren? Sind Moslems tatsächlich Frauenverächter? Sind Amerikaner dumm und Russen böse? Auf alle diese Fragen werden bei mir umso schneller Vorurteile einrasten, je weniger Standing ich habe; früher nannte man das innere Standfestigkeit, Rückgrat oder ganz einfach «Charakter». Und definitiv kann ich die Gleichung aufmachen: Je weniger Standing, desto mehr Vorkriegsbereitschaft, also unsere Bereitschaft, kriegerisch zu reagieren – im Kleinen wie im Grossen.
Kleine Anmerkung: Jeder Berufspolitiker, der seinen überfüllten Terminkalender abgearbeitet hat und abends ausgelaugt ins Hotelbett im Irgend- oder Nirgendwo sinkt, hat auch nur zehn Minuten Zeit, um sich um die Grundlagen seines Charakters zu kümmern. Was schliessen wir daraus? Nein, böse sind sie nicht, sondern …?
Die innere Generalabrüstung
Ich möchte an dieser Stelle betonen, wie sehr es mich stört oder ärgert, dass ich von keiner dieser geistig-seelischen Grundlagen des «Vorkriegszustands» frei bin, obwohl ich seit mindestens 50 Jahren daran arbeite – was bedeutet: Sie gehören zu den systemischen Eigenschaften unseres Zivilisationsmodells, das infolgedessen abzuschaffen bzw. zu ersetzen ist.
Der Tauschwert
Womit ich zu guter Letzt auf einen Kernaspekt der inneren Generalabrüstung zu sprechen kommen möchte: Dazu gehören neben der eingangs erwähnten Frustrationstoleranz vor allem die Grundlagen der Gewalt, nämlich der Tauschwert. Er wird fatalerweise oft mit dem Gebrauchswert verwechselt. Wenn ich einen Nagel einschlagen möchte, dann hat ein Hammer einen weitaus grösseren Gebrauchswert als ein SUV. Umgekehrt hat gegenüber der Bank der SUV einen weitaus grösseren Tauschwert als ein Hammer.
Bei solchen Extremen ist das schnell klar. Schwieriger wird es im Kleinen: Nehmen wir an, mein Enkel hätte 20 wunderschöne Glasmurmeln, sein Kumpel zwar viele, aber nur unscheinbare Tonmurmeln. Möchte er auch eine dieser schönen Glasmurmeln haben, dann entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber meinem «murmelreichen» Enkel. Sprich: Das soziale Gleichgewicht zwischen beiden verschiebt sich; plötzlich ist mein Enkel mächtiger und kann 30 Tonmurmeln für 1 Glasmurmel verlangen, die ihm persönlich egal ist. Allgemein gesprochen: Überall und immer, wo getauscht wird, entstehen Machtverhältnisse.
Die ontologische Grundlage des Vorkriegszustands
Im Alltag fällt das wenig auf, aber spätestens, wenn du bei einer Bank nach einem Kredit nachsuchst, wird das augenfällig. Wenn man so will, ist der Tauschwert die zwar künstlich erschaffene, aber allgegenwärtige Grundlage unseres Weltverständnisses: Wer etwas bekommt, muss (!) etwas zurückgeben. Und wer etwas braucht, ist bedürftig. Sozial-gesellschaftliche Ausnahmezonen sind: Elternschaft, Freundschaft und Liebesbeziehungen. Aber: Überall, wo sich in diese drei Bereiche der Tauschwert einschleicht, beginnen sie zu verkümmern.
Der Tauschwert, das eherne Grundprinzip des Kapitalismus, aber auch jeder Marktwirtschaft, ist also die ontologische Grundlage des Vorkriegszustands. Erst, wenn wir diese hinter uns lassen, wird es keinen Krieg mehr geben (können); umgekehrt: Wenn wir das nicht tun, wird es immer Krieg geben. Viel Stoff zum Nachdenken für alle Nichtberufspolitiker und Nichtmanager. Und das sind mindestens 99 Prozent.