Niemand hat immer recht

Der Dalai Lama hat sich impfen lassen. Das löste bei mir grosse Überraschung und viele Gedanken aus. Was soll ich vom Dalai Lama jetzt denken?

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Die Meldung, die ich gelesen habe, irritiert mich noch immer: Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt des tibetischen Volkes, liess sich gegen den Virus impfen. In der nordindischen Stadt Dharamsala, wo sich die tibetische Exilregierung befindet, hat der 85-Jährige den Ärmel seines Gewandes hochgekrempelt und die Spritze bekommen. Er liess sich während der Prozedur filmen und kommentierte danach: «Mehr Menschen sollten den Mut haben, sich für die Injektion zu entscheiden.» Das sei sehr wichtig, und deshalb wolle er das auch öffentlich machen. «Um ernsthafte Probleme zu verhindern», sprach der Dalai Lama, «ist diese Injektion sehr, sehr hilfreich und sehr gut.»

Dreimal hat er das «sehr» betont.

Ich bin sicher, auch viele andere Menschen, die diese Meldung gelesen haben, reagierten wie ich: mit Betroffenheit. Ich bin erschrocken, dass ausgerechnet der Dalai Lama, von dem ich so viel halte, diesen Eingriff mit sich machen liess.

Für all jene Menschen, die der Impfung positiv gegenüberstehen, sich vielleicht selbst schon impfen liessen und gleichzeitig den Dalai Lama sehr schätzen, für solche Menschen ist sein Entschluss zweifellos eine gute Nachricht. Sie sehen sich durch die lebende Legende des Dalai Lama bestätigt in ihrem eigenen Handeln. Doch für ebenso viele Menschen, die der Impfung kritisch, sogar ablehnend gegenüberstehen – nicht, weil sie generell gegen das Impfen wären, aber weil sie der Meinung sind, dass man sich gegen ein Virus nicht impfen lassen, sondern versuchen sollte, gesund zu leben –, für all diese Menschen ist es eine traurige Nachricht.

Was soll ich vom Dalai Lama jetzt denken? Zunächst überlegte ich mir, ob er am Ende recht hat, wenn er sagt, die Impfung sei ein sinnvolles Mittel, um diesen Virus zu bekämpfen. Offenbar ist er der Meinung, dass der Virus eine sehr gefährliche Sache ist. Und offenbar glaubt er den Versicherungen der Pharmakonzerne, dass mit der Impfung das Problem gelöst werden könne. Offenbar hält er es nicht für fragwürdig, eine solche Impfung zu propagieren, die noch gar nicht richtig erprobt worden ist, die innert kürzester Zeit aus dem Boden der Schulmedizin gestampft wurde. Offenbar vertraut er der staatstreuen Wissenschaft in einem Masse, wie ich es nicht für möglich gehalten habe.

Das sind die Gedanken, die ich mir gemacht habe. Weil ich doch so viel von ihm halte, versuchte ich, ihn zu verstehen. Seine Weisheiten, seine Ausstrahlung, seine Persönlichkeit – er hat mich immer beeindruckt. Weil er über den Religionen steht, obwohl er ein Religionsführer ist. Weil er ein spiritueller Mensch ist, ein versöhnlicher Mensch, der niemanden von seiner Liebe ausschliesst und sich auch nie radikal gegen China äusserte, obwohl China seine tibetische Heimat erobert und im Grunde zerstört hatte. Trotzdem blieb er immer besonnen in seinen Äusserungen zu China.

Er war für so viele von uns, und auch für mich, ein Vorbild. So wie er sollte man über die Welt und über das Leben denken, seine Einstellung sollte man haben. Und jetzt kommt dieser Dalai Lama und hat sich allen Ernstes impfen lassen.

Doch ziemlich bald war mir klar: Selbst wenn der liebe Gott höchstpersönlich eine andere Haltung hätte, wäre ich nicht bereit, meine Meinung zum Thema Corona und Impfung aufzugeben. Und gerade nach dieser Meldung ist mir bewusst geworden, dass es eigentlich niemanden gibt, der immer recht hat. Auch nicht der Dalai Lama.

Vielleicht hat er ja recht. Ich kann nicht beurteilen, was richtig und falsch ist. Ich kann nur sagen, was ich selber als richtig oder als falsch empfinde, und so muss ich seinen Standpunkt nicht einfach blind übernehmen, obwohl ich doch immer alles so wahr und so weise fand, was er sagte.

Ich bleibe bei meiner Haltung: dass niemand immer recht hat. Und dass es deshalb nichts anderes gibt für jeden von uns, als auf unser eigenes Herz, auf unsere innere Stimme zu hören – und danach zu handeln.

Trotzdem werde ich weiterhin Sätze des grossen Tibeters zitieren und mir über sie Gedanken machen. Einer dieser Sätze lautet: «Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen.» Dieser Satz passt zur Meldung, der Dalai Lama habe sich impfen lassen. Ich muss nicht an den Dalai Lama glauben. Ich muss versuchen zu lernen, wie ich selber die Welt sehe.

 

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36
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Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Nicolas Lindt: Im Schulzimmer des Lebens, 102 Seiten, lindtbooks 2020, erhältlich in jeder Buchhandlung, im Online-Buchversand und im Buchshop der Zürcher Oberland Medien. Falls ein signiertes Exemplar gewünscht ist, hier bestellen.

Kommentare

Erkenntnis aus dem Bericht über den Dalai

von juerg.wyss
Mir ist wieder ein sehr geschicktes Wortverdrehungsspiel aufgefallen. Nicolas schreibt, die Seren wurden von der Schulmedizin aus dem Boden gestampft. 1. Das ist gar nicht möglich, es gibt noch keine Schulmedizin die sich mit genverändernden Substanzen befassen darf. Das kann nur die Forschung. 2. glaubt Nicolas an die Wissenschaft für Heilung. Für Heilung ist aber die Medizin zuständig, die Wissenschaft ist nur dazu da Wissen zu schaffen, wie der Name es sagt. Also Schule, um Neues zu begreifen. Durch geschickte Verdrehungen hat die Wirtschaft die Wissenschaft ersetzt, die Pharmaproduzenten haben sich die Medizin unter den Nagel gerissen. Es wird also nicht mehr geforscht, es wird entwickelt. Probleme werden mit Worten oder Verordnungen verlagert. wie z.b. Deutschland impft nur noch über 60 jährige mit astracenika, warum wohl? Es ist einfacher, als man denkt. Die Nebenwirkungen werden so kalkuliert, dass die Diagnose Tod durch Hirnvenenthrombose auf das Alter zurückgeführt werden kann und die todbringende Impfung nicht schuld ist an der Thrombose. So kann nur mit Worten eine Pandemie am Leben gehalten werden, mit Worten werden Nebenwirkungen beseitigt. Mit Worten ist unsere Freiheit weg. Aber es sind nicht Worte, es sind Lügen.