Sie rauchen nicht?
Nach wie vor rauchen über 25 % der jungen Erwachsenen. Vor allem der Snus-Markt boomt. Die Nichtraucher sind noch immer gefordert. Ein Blick zurück aus dem Podcast «Mitten im Leben»
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«Wenn sie nur rauchen können» (Bild Netzfund)

Manchmal vergesse ich sie. Aber dann fallen sie mir wieder auf, ungemütlich zusammengedrängt, unter dem Dach einer Warenannahme, vor der Tür des Gourmetlokals, beim Kücheneingang eines Spitals, vereint in ihrer Passion und dennoch allein: Es gibt sie noch immer, die Raucherinnen und Raucher, und nicht zu knapp. Manche dampfen jetzt E-Zigaretten, manche schieben sich ein Snus unter die Lippe. Aber das ändert nichts. Nikotin ist es trotzdem. Und die richtigen Zigaretten sind immer noch Nummer 1.

Was sollen wir nur mit den Rauchern machen? Ihre Zeit ist im Grunde längst abgelaufen.

 

Doch es gab diese Zeit. Sie liegt weit zurück. Rauchen war damals kein Laster. Es war eine Tugend. Rauchen gehörte zum guten Ton. Wer nicht rauchte, wurde schon fast mit Besorgnis betrachtet.

 

«Oh, Sie rauchen nicht?» fragte man mich, wenn ich angebotene Zigarette nicht wollte. Ein leichtes Befremden lag in der Frage. Warum raucht er nicht? Wie ein Spielverderber fühlte ich mich, wie der Gast am Tisch, der als einziger, weil er kein Fleisch isst, das köstliche Steak ablehnt. Indem ich die Zigarette zurückwies, distanzierte ich mich von der Welt. Denn die Welt gehörte den Rauchern.

Im Zug zog es mich, obwohl ich nicht rauchte, ins Abteil mit den roten Polstern. Das war das Raucherabteil. Die Nichtraucher hatten grüne Polster. Grün bedeutete damals nicht etwa näher bei der Natur, sondern langweilig. Uninteressant. Im grünen Abteil traf man nur lärmende Schulreisekinder, ältere Fräuleins, Pfadfinder, Nonnen, Gesundheitsapostel und Frauenvereine.

Die interessanten Leute versammelten sich in den roten Abteilen. Der Qualm – der Qualm in den Zügen, in den Lokalen, in den Schlafzimmern und Toiletten – wurde damals nicht als Gestank empfunden, sondern als Duft. Der Qualm war das Parfüm der neuen Zeit. Männer und Frauen, die rauchten, hatten selbstverständlich mehr Sex. Kippen trugen die erotischen Spuren von Lippenstift, und überquellende Aschenbecher gehörten zum alltäglichen Bild.

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«Der Qualm war das Parfüm der neuen Zeit.» (Aus dem «Schweizer Spiegel» vor 100 Jahren)

Vor allem aber hatten Raucher eine Identität. Sie waren Marlboro-Kerle, Gauloise-Typen, Marylong-Ladies, sie rauchten Muratti mit Spitze oder sie liefen eine Meile für eine Camel. Wohin aber konnten Nichtraucher laufen? Wussten Nichtraucher denn überhaupt, was Leidenschaft ist? Als Nichtraucher hatte man keinen Namen und keinen Stolz.

Man war nichts als ein Nicht-Raucher.

Doch dann, eines Tages, als ich das Raucherabteil betrat, geschah es. Zum ersten Mal  fiel mir auf, dass die Polster nicht rot, sondern schmuddelig waren. Verfärbt vom Rauch unzähliger Zigaretten. Ich wechselte zum ersten Mal ins grüne Abteil, wo mir das Grün der Polster auf einmal frisch und fröhlich erschien. Dieser Tag war meine persönliche Trendwende. Ich entdeckte meine Identität als Nichtraucher. Wie ein Blinder, der sehend wird, sah ich von da an, bei jedem Gang durch das rote Abteil die von den Rauchern hinterlassenen Spuren. Leere Zigarettenpackungen, zusammengeknüllte Folien, Stummel – und überall Asche: am Boden, auf dem Fensterbrett, auf den Polstern. Es stank. Kalt, abgestanden, verlebt.

Ich sah die Sucht. Ich sah, dass die Raucher, wenn es um ihre tägliche Nikotinzufuhr geht, jedes Gefühl für Kultiviertheit und Stil verlieren. Der Qualm in den Augen, der Gestank in den Kleidern, der Teer auf den Zähnen, der Aschenbecher neben dem Bett, die Asche verstreut auf dem Küchentisch – es kümmert sie nicht. Sie stehen, unerwünscht und frierend wie Obdachlose, in den Hinterhöfen der Nichtraucherwelt, gruppieren sich um eine leere Konservendose, die mit Kippen längst überfüllt ist, und geniessen für das Mass einer Zigarette ihre klägliche Solidarität. Sie verziehen sich, mitten in der Geburtstagsparty, auf den engen Balkon hinaus, weil sie offenbar lieber rauchen, als mit Nichtrauchern zu reden. Sie begeben sich auf den Flughäfen freiwillig in die gläsernen Fumoirs, wo wir sie besichtigen können wie die Affen im Affenhaus.

Sie machen sich nichts daraus. Wenn sie nur rauchen können.

Mein jahrelanger stiller Respekt vor den Rauchern, meine Bewunderung ihrer Gewandtheit, ihrer Genussfreudigkeit – all das, was sie mit der Geste des Rauchens so selbstsicher zelebrierten: Es verblasste. Es zerfiel zu Asche. Der Wandel des Zeitgeists, der die lässige Zigarette zwischen den Fingern als simple, schäbige Droge entlarvt hat – dieser Gesinnungswandel erfasste auch mich. Aus Bewunderung wurde Mitleid. Ich schaute den Rauchern zu und sah ihr Verhalten, wenn sie sich mit mir unterhielten. Schon nach dem dritten Satz suchten sie nach dem Päckchen. Während sie mit mir redeten, griffen sie nach der Droge.

Wonach aber konnte ich greifen? Als Nichtraucher stand ich mit leeren Händen vor einem Raucher. Das machte mich früher ein bisschen neidisch. Stets empfand ich dasselbe: Ein Raucher hat etwas, das ich nicht habe. Nur mit mir reden, genügt ihm nicht. Er nimmt dem Gespräch mit mir die Bedeutung, indem er gleichzeitig seiner Sucht frönt. Ich bin seinen Worten ausgeliefert, er aber nicht meinen. Zur Sicherheit bleibt ihm noch immer die Zigarette in seiner Hand.

Heute kann ich darüber lächeln. Armer therapiebedürftiger Raucher. Muss sich an seinen Sargnagel klammern, wenn er mit dem Nichtraucher spricht. Hält die Spannung der Suche nach Worten nicht aus. Zeigt seinem Gesprächspartner unmissverständlich, wie uninteressant er ihn findet. Da hilft nur eine Zigarette. Oder ein Snus unter der Lippe.

Die Raucher sind wie ein offenes Buch. Wenn sie zur Packung greifen, dann wissen wir: Jetzt haben sie Stress. Jetzt fehlt ihnen etwas. Und es ist nicht nur das Nikotin. Wie alle Süchtigen brauchen sie eigentlich etwas ganz anderes. Sie brauchen Liebe! Wir Nichtraucher sind noch immer gefordert. Helfen wir ihnen!

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«Überall Asche. Kalt. Abgestanden. Verlebt» (Bild Netzfund)

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

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