Wenn Grundfesten ins Wanken geraten …

Extreme Veränderungen, die niemand erwartet hatte, gab es in der Geschichte schon immer. Erschütternde Beispiele sind das Dritte Reich, der Stalinismus oder die Atombombenabwürfe über Japan. Hierbei eskalierten Mächte des Bösen, die mit menschlichen Begriffen kaum noch fassbar erscheinen – die Corona-Krise weckt bei manchen ähnliche Empfindungen.

Zeitgeschehen im Lichte einer „Kurzen Erzählung vom Antichrist“ nach Wladimir Solowjew

Nur apokalyptische Begriffe scheinen derartige Exzesse noch fassen zu können, wie sie das 20. Jahrhundert zeigte. Exzesse wie die Denunzianten-Regime, die Internierungslager, die Weltkriege – ganz neue Dimensionen des Bösen traten in Erscheinung.

Vorausgesehen hatte das in dieser Form wohl niemand. Abgesehen vielleicht von biblischen Autoren, etwa dem Schreiber der Apokalypse und diversen Interpreten dieser bedeutenden Schrift des Christentums – beispielsweise der russische Philosoph und Dichter Wladimir Solowjew (1853-1900), der kurz vor seinem Tod eine Erzählung publizierte, die zur Weltliteratur avancierte. Während Europa im Fortschritts-Optimismus schwelgte, prophezeite er Katastrophen.

Der geniale Philosoph will die Inspiration zu seiner Erzählung auf einer Reise durch Ägypten empfangen haben. Er sagt ausdrücklich, es handele sich dabei nicht um eine Eins-zu-eins-Prophetie, sondern um ein ungefähres Bild der Zukunft, die in vielen Einzelheiten auch ganz anders verlaufen könne. Nur die grobe Richtung sei gewiss, wozu unter anderem die Einrichtung einer „Weltmonarchie“ gehöre. „Verschwörungstheorie“ würde man das wohl heute nennen, so ändern sich die Zeiten: altehrwürdige Dokumente des Christentums – jahrhundertelang prägten sie die Kultur Europas – sind heute dubios. Und eben auch deren Prophetie eines kommenden Antichrist:

„Übermacht wurde ihm gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Rassen“, heisst es dort. (Die Offenbarung des Johannes, 13,7.)

In Solowjews Erzählung erscheint der Antichrist zunächst als Wohltäter, der „Frieden und Wohlstand“ für alle bringt. Erst allmählich wird erkannt, wer er wirklich ist. Und eben diese Erkenntnisleistung ist es, welche die entscheidende Wende einleitet, was schliesslich zur Entmachtung des Imperators und seiner Weltmonarchie führt. Die Erzählung ist fast wie ein Märchen geschrieben, doch mit deutlichem Realitätsbezug – eine Mischung aus Fiktion und Wahrheit. So sagt sie beispielsweise die „Vereinigten Staaten von Europa“ voraus – und damit eine zweifellos sehr reale Entwicklungstendenz unserer Zeit. Ursula von der Leyen ist bekanntlich nicht die einzige, die „Vereinigte Staaten von Europa“ explizit fordert.

Ähnlich treffsicher ist die Voraussage einer Weltherrschaft. Dass führende Eliten eine Weltregierung wollen, ist schon lange keine Verschwörungs-Phantasie mehr; das weiss jeder, der sich nur ansatzweise mit dem Thema befasst. Erst kürzlich hat der frühere Premierminister und einflussreiche Banker Gordon Brown die Einrichtung einer Weltregierung gefordert, um die Corona-Krise in Griff zu bekommen. Es müsse ein „internationaler Befehlskörper“ geschaffen werden, um den Virus zu bekämpfen. Etliche andere einflussreiche Persönlichkeiten – etwa der amtierende Papst oder CDU-Politiker Wolfgang Schäuble – bekennen sich zu ähnlichen Zielen.

„Gäbe es so etwas wie eine Weltregierung, wären wir besser vorbereitet“, Bill Gates.

Bill Gates, der "heimliche WHO-Chef", machte schon 2015 in Erwartung kommender Epidemien geltend, eine Weltregierung sei „bitter nötig“: Magazine wie der Spiegel, dem Gates kürzlich satte 2.5 Millionen Dollar überwies, argumentieren in gleicher Richtung: „Falls es der Klimawandel und die Migrationstragödien der letzten Jahre noch nicht bewiesen haben – Covid-19 beweist es uns jetzt von Tag zu Tag: Krisen wie diese bräuchten eine Art Weltregierung – so vorläufig und unvollkommen sie unter dem Druck der sich überschlagenden Ereignisse auch sein mag.“

Ähnliche Überlegungen kursierten während der letzten Weltfinanzkrise, etwa von Herbert Kremp, dem ehemaligen Chefredakteur der Zeitung Die Welt: „Solange nicht eine Weltregierung die Kapitalmärkte zwangsreguliert und Geldspekulationen verbietet, drohen Crashs“. Vergleichbare Töne werden wir in der kommenden Weltwirtschaftskrise immer wieder zu hören bekommen.

Neu ist die Idee nicht, schon Winston Churchill war überzeugt: „Die Schaffung einer autoritativen Weltordnung ist das Endziel, das wir anzustreben haben. Wenn nicht eine wirksame Welt-Superregierung errichtet und rasch handlungsfähig werden kann, bleiben die Aussichten auf Frieden und menschlichen Fortschritt düster und zweifelhaft.“[10]

Die Liste derartiger Statements könnte beliebig verlängert werden. Verschwörungs-Phantasien und biblische Prophetien brauchen wir also nicht, um die These zu stützen, dass führende Eliten eine Weltregierung wollen; die Eliten sagen es selbst, offen und ungeschminkt. Ist es rational, derartige Aussagen als „leeres Gerede“ abzutun?

„Wir können die politische Union nur erreichen, wenn wir eine Krise haben“, Schäuble in der New York Times.

Auch in Anbetracht der aktuellen Krise erscheint es realistischer, die nachweislich vorhandenen Bestrebungen globaler Machtergreifung ernst zu nehmen. Dass globale Krisen die denkbar beste Ausgangslage sind, um derartige Veränderungen zu beschleunigen, ist nicht nur eine zentraler Gedanke Solowjews, sondern wird auch von den genannten Eliten erwogen – mit umgekehrten Vorzeichen versteht sich.

Das gebetsmühlenhaft wiederholte Mantra, nur eine Weltregierung könne uns retten, ist ein Gedankenmuster, das Solowjew bereits vor über 100 Jahren thematisierte. Vielleicht sollte man sich die Bedenken des weltweit geschätzten Philosophen anhören, bevor weitreichende Entscheidungen gefällt werden. Um zu erkennen, dass Gefahr im Verzug ist, wenn Weltmachts-Phantasien um sich greifen, braucht man freilich kein Hellseher zu sein. Es genügt, Geschichte zu studieren, die bekanntlich eine Geschichte des fortwährenden Machtmissbrauchs sowie der illegalen Machtergreifung war: Ob Römer oder Hunnen, Hitler oder Stalin – alle waren sie von Weltmachts-Gelüsten elektrisiert.

Ist das heute alles ganz anders? Neu ist zumindest: Global Government ist  heute sowohl technisch als auch politisch näher in den Bereich des Machbaren gerückt. Die Rolle der WHO führt uns das aktuell anschaulich vor Augen.

 

Wladimir Solowjew, Eine Kurze Erzählung vom Antichrist, Herausgegeben und kommentiert von Ingo Hoppe, 2013 Stuttgart, Urachhaus-Verlag

Über

Ingo Hoppe

Submitted by reto on Mi, 09/27/2017 - 11:19

Ingo Hoppe 
studierte Philosophie und Geschichte in Basel; seit 1999 als freier Journalist unterwegs. Die Universitätsreform (Bolognaprozess) verarbeitete er in dem Buch: Der freiheitliche Universitätsbegriff Wilhelm von Humboldts (fiu-verlag.com). Desweiteren veröffentlichte er über die Zukunftsvision des russischen Philosophen Wladimir Solowjew: Eine kurze Erzählung vom Antichrist (urachhaus.de). Aktueller Schwerpunkt ist die Erforschung spiritueller Inhalte in Filmen und Computerspielen (siehe ZP 145 Krieg der Götter und ZP 149 Ihr seid Götter). – Ingo Hoppe hält auf Anfrage Vorträge zu zeitgeschichtlichen, philosophischen und spirituellen Themen. 
 

ingo.hoppe@zeitpunkt.ch