Der Lesch-Faktor: das neue Mass für Volksverdummung

«Gehen wir den Zahlen mal tatsächlich auf den Grund!» verspricht Harald Lesch in einer kürzlichen Sendung von TerraX zur Frage «Coronavirus – unnötiger Alarm bei COVID-19?» Nach den Berechnungen des TV-Physikers hätte heute in Deutschland der Behandlungsnotstand eintreten müssen. Lesch liegt um Faktoren daneben.

Heute hätte der Behandlungsnotstand eintreffen müssen, den der Fake-News-Jäger Harald Lesch prophezeit hat. (Screenshot youtube)

Die kritischen Stimmen zur Corona-Pandemie und der Gegenmassnahmen entwickeln sich offenbar zu einem Problem, obwohl sich die Bevölkerung Europas noch weitgehend an das social distancing und das Versammlungs- und Gruppierungsverbot hält. Aber: Abweichende Meinungen sind nicht nur eine Gefahr für faschistische und kommunistische Diktaturen, sondern auch für kapitalistische Demokratien.

Da liegt es nahe, einen populären, mediengewandten Wissenschaftler vor die Kameras zu schicken, der dem Volk erklärt, was Sache ist. «Das ist alles übertrieben», zitiert Lesch zu Beginn seiner Sendung die Kritiker und verspricht, «den Zahlen mal tatsächlich auf den Grund» zu gehen. (Video am Fuss der Seite)

«Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.»

In Italien sterben durchschnittlich 2000 Menschen pro Tag, beginnt Lesch sein Argument (2:15). Aber am 18. März seien es 475 Tote mehr gewesen. Hier macht Lesch den ersten Fehler. Er kann nämlich gar nicht wissen, wieviele Tote es am 18. März in Italien gegeben hat, weil eine tägliche Statistik gar nicht verfügbar ist. (Hier steht, wie in Italien die Todesfallstatistiken erhoben werden, vom Arzt über die Gemeindebehörden bis zum Istituto Nazionale di Statistica.)

Ein paar Sekunden später folgt schon der zweite Fehler: Er behauptet, an diesem Tag hätte es «eine Steigerung von deutlich mehr als 20 Prozent» gegeben und das sei doch auffallend. Der Vergleich momentaner Werte mit Durchschnittszahlen und die Ableitung alarmierender Botschaften ist irreführend, wie folgendes Beispiel zeigt.

Der Vergleich eines momentanen Einzelwerts mit einem Jahresdurchschnitt ergibt keine plausiblen Ergebnisse.

Die jährliche Niederschlagsmenge in der Schweiz beträgt 1500 mm pro Quadratmeter, also 4,1 mm pro Tag. Selbst wenn es an einem Tag das Fünffache regnet, also 20 mm, gilt das noch nicht einmal als «kräftiger Regen». Der liegt zwischen 30 und 50 mm in 24 Stunden. Regenwarnungen gibt es erst ab dem Zwanzigfachen der durchschnittlichen Tagesmenge, also bei 80 mm. 
Zugegeben: Das ist ein Äpfel-und-Birnen-Vergleich. Aber es geht um das Prinzip: Der Vergleich eines momentanen Einzelwerts mit einem Jahresdurchschnitt ergibt einfach keine belastbaren Erkenntnisse.

Lesch unterstellt den Kritikern ganz subtil kriminelle Absichten.

Bei 3:35 folgt Leschs Kabinettstück: Er setzt die angebliche Verharmlosung der Sterbezahlen mit der Verharmlosung von Amokläufern gleich, die die Sterbestatistik ja auch nicht wesentlich in die Höhe treiben. Damit unterstellt er den Kritikern der statistischen Interpretationen durch die Behörden ganz subtil kriminelle Absichten. Gut gemacht! Gehört in die Lehrbücher für Spin-Doktoren.

Die Überlastung in den Spitälern führe zu der absolut unzumutbaren Situation, sagt Lesch bei 3:55, dass Ärzte triagieren müssten wie im Krieg. Das ist in der Tat eine schwer erträgliche Situation. Nur: Das kapitalistische Gesundheitssystem triagiert dauernd, indem Millionen von Menschen in der Dritten Welt an Krankheiten sterben, die mit günstigen Medikamenten behandelt werden könnten. Triage-Entscheid: Behandlung teurer als der Wert dieses Lebens. Darüber sollte Herr Lesch sich zuerst aufregen.

Er könnte sich aber auch darüber aufregen, dass in deutschen Spitälern bereits jetzt vorbeugend triagiert wird, um Betten für Corona-Patienten frei zu halten. Die Verschiebung von Behandlungen wird ihrerseits zu Todesfällen führen, über die allerdings keine Statistiken geführt werden.

Wenn es in Italien zur Notwendigkeit einer Triage käme, wäre es das Ende der Zivilgesellschaft, sagt Lesch. Wenn wir das zum Nennwert nehmen, sind wir schon seit einiger am Ende der Zivilgesellschaft: Wir betreiben seit Jahren eine Triage, die Millionen von Menschen in der Dritten Welt in tödliches Elend stürzt, und wir merken es nicht einmal. Zumindest Herr Lesch scheint es nicht zu merken.

Reichen die Intensivbetten in Deutschland zur Beatmung der erwarteten Corona-Patienten? Ab 5:30 versucht Lesch diese Frage zu beantworten und jongliert, um zur gewünschten Antwort zu kommen – nämlich «Notstand!» – in verwegener Weise mit den Zahlen.

Von den 28’000 Intensivbetten in Deutschland kann die Hälfte für die Behandlung von Corona-Patienten zur Verfügung gestellt werden. Bei einer Behandlungsdauer von einer Woche, können also täglich 2000 neue Intensivpatienten aufgenommen werden. So weit, so richtig.

Lesch behauptet, 5 Prozent der Infizierten seien «beatmungspflichtig». Die Zahl ist aus der Luft gegriffen.

Aber dann greift Lesch auf eine Zahl zurück, für die er weder eine Quelle nennt und für die es nach aktueller Recherche auch keinen Beleg gibt: Er behauptet, 5 Prozent der Infizierten seien «beatmungspflichtig» (6:20). Die Zahl scheint aus der Luft gegriffen. Ich habe beim bayrischen Rundfunk nach einer Quelle gefragt. Bis zum Eintreffen einer Antwort halte ich mich an die Studie, die am 28. Februar auf der Website des prominenten «New England Journal of Medicine» publiziert wurde und Behandlungsdaten von Covid-19-positiven Patienten aus 552 chinesischen Spitälern auswertet. In die Studie aufgenommen wurden nur behandlungsbedürftige Patienten. Der Anteil der Infizierten mit Symptomen, die nicht zu einer Hospitalisation führten, wird in der Studie nicht genannt.

Ergebnis: Von den Hospitalisierten landeten 5 Prozent auf der Intensivstation, 2,3 Prozent brauchten ein  Beatmungsgerät. Selbst wenn man zur Ehrenrettung von Herrn Lesch annimmt, dass sämtliche Infizierten auch hospitalisiert wurden, liegt der maximale Bedarf an Beatmungsgeräten bei 2,3 Prozent und nicht bei 5. Lesch liegt um einen Faktor 2,2 daneben — mindestens! – und unter Berücksichtigung sämtlicher mildernden Umstände.

Aber es kommt noch dicker. Lesch will ja zeigen, dass die Intensivkapazität in Deutschland aufgrund der steigenden Infektionsraten bald an ihre Grenzen stösst und deshalb die Massnahmen wissenschaftlich gerechtfertigt sind.

rki_Fallzahlen 28-3-20
Der Stand am 28.3.20 als  Screenshot (Das RKI aktualisiert laufend)

Zu diesem Zweck zieht er den Zuwachs der Infektionen in den Tagen vor Aufzeichnung der Sendung (19.3.20) heran und prognostiziert für den 27. März 40’000 Neuinfizierte, von denen angeblich 5 Prozent ein Intensivbett mit Beatmungsgerät brauchen. Die Zahlen des 27. März wurden heute (28.3.20) vom Robert Koch-Institut publiziert. Und was sagen sie (werden laufend aktualisiert)? 6294 Neuinfizierte seit dem Vortag. Abweichung gegenüber Leschs Prognose: Faktor 6,4.

Zählt man den Fehler bei der Berechnung der «Beatmungspflichtigen» von mindestens 2,2 mit der Abweichung der Prognose von 6,4 zusammen, kommt man auf einen Lesch-Faktor von 14.

Um eine gigantische Bedrohung herbeizurechnen, betreibt Lesch also eine verwegene Zahlenakrobatik mit einer ganzen Serie von Fehlern. In der Schweiz könnte der Mann aufgrund von Art. 258 des Strafgesetzbuches verurteilt werden. Dort heisst es: «Wer die Bevölkerung durch Androhen oder Vorspiegeln einer Gefahr für Leib, Leben oder Eigentum in Schrecken versetzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.» Im Bayern des Corona-Turbos Markus Söder kommt er nicht nur ungeschoren davon, sondern wird auch noch gut bezahlt .

Ich halte nicht viel von Bestrafung. Besser wäre es, Harald Lesch würde sich an die behördlichen Massnahmen halten, in Quarantäne gehen und sich selber prüfen. Vielleicht möchte er ja auch seine alten Schulbücher wieder hervornehmen …

Den allerletzten Tipp aus Harald Leschs Videoküche kann man sich trotz allem beherzigen:  «Man sollte Fake-News nicht unkommentiert lassen!» Was ich hiermit getan habe.

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Ebenfalls zu Leschs Zahlenakrobatik:

Wissenschaft auf Zuruf
Harald Lesch bewirbt sich als Doktorvater der Nation — und versagt kläglich in Mathematik. Von Walter van Rossum auf rubikon.news

 

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

032 621 81 11
christoph.pfluger@zeitpunkt.ch

Kommentare

Newsletter

von Markus S.
Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin: wichtige Informationen, die die kritisierte Dominanz der offiziellen Mitteilungen ergänzen. Hut ab vor Deinem Einsatz! Übrigens: "Psychologie der Massen" gilt überall, auch bei den Kritikern des Offiziellen ;) Herzlich - Markus

Sind es nur Bilder, Herr Pfluger?

von MVetterli
Wissen Sie, Herr Pfluger: Sie setzen sich sehr intensiv mit alldem auseinander - und haben ein grosses Knowhow erworben. Ihre Auseinandersetzung mit Quellen scheint mir redlich und meist sachlich - was mich trotzdem enorm stört: Ihr Bias, Ihr Vorurteil, ist absolut klar: Sie haben schon lange beschlossen, dass es harmlos ist - also muss es harmlos sein! Und eine andere Variante in Betracht zu ziehen, scheint für Sie ausgeschlossen: Die Berichte aus Italien können Sie nur als aufgebauschte Bilder interpretieren - zu den erschütternden Berichten eines Bürgermeisters von Bergamo oder von medizin. Personal sagen Sie nichts. Dass Spitäler in New York die Leichen in zugemieteten Kühllastern lagern müssen und noch mehr Laster bestellen, ist dann wohl auch nur ein medial gemachter Hype? Oder eh normal bei jeder Grippewelle? - Ich würde mich sehr freuen, wenn es denn letztlich so harmlos kommt, wie Sie glauben - und bin aber offen dafür, dass auch andere als Sie - mindestens teilweise - Recht behalten könnten. Wir werden sehen! Hoffen wir, dass Sie Recht haben werden!  

Coronaopfer und Abtreibung, Humanität versus Heuchelei?

von Thomas Freiwort
Lieber Herr Pfluger, es ist erfreulich zu lesen, dass Sie einer von den wenigen Menschen sind, welche wegen diesem Corona Virus es sich nicht verbieten lassen, sich eigene Gedanken zu bilden, Bravo! Nicht mit einem Corona oder Heineken aus der Aludose, nein mit einem Biobier aus der Glasflasche proste ich Ihnen virtuell zu, auf Ihre Gesundheit ! Ich möchte da auch noch gerne einen weiteren Gedanken beitragen, ich habe jetzt gestern den Jahresbericht von der SHMK gelesen (Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind) und da steht, dass 10'457 Kinder abgetrieben wurden, ich nehme jetzt mal an pro Jahr! Keine Angst, ich bin jetzt auch nicht für die Überbevölkerung, kann die Ansichten von Ecopop nur wärmstens unterstützen, aber gibt das, wenn man diese Zahl ins Verhältnis zu den Corona-Opfern stellt, nicht stark zu denken wenn man noch einen Teil von Resthirn besitzt? Auf der einen Seite wird gross propagiert, dass man jetzt auf die lieben Alten und lieben Risikopersonen durch totale Lahmlegung jeglichen sozialen Lebens und Ausgehsperren Rücksicht nehmen muss und auf der anderen Seite werden en masse unschuldige Kinder bewusst getötet, weil es anscheinend in unserem aufgeklärten Land noch Menschen gibt, die noch nie auf ihrem 5G Handy gesehen haben was passiert, wenn die süssen (letzten) Bienchen die süssen (letzten) Blumen bestäuben! Also liebe Mitmenschen, da der Grossteil der Schweizer/innen Abtreibung als Menschenrecht betrachtet, dann seid doch bitte so offen und fair, auch den Tod durch eine Krankheit oder Virus als Menschenrecht zu betrachten! Oder dass der Klimawandel noch viel mehr Opfer fordern wird oder dass Waffenexporte Menschenleben kosten können oder dass Syngenta mit bei uns verbotenen Pestiziden die Menschen anderswo verseucht! Wegen dem Verbot, ältere Mitmenschen zu besuchen, möchte ich der Gesellschaft noch kurz den Spiegel vorhalten, die sind eh längst alle in den Altersheimen weggesperrt ohne sozialen Kontakt und warten bloss noch auf den Tod, Exit, Hitzesommer oder Corona, Prost! Keine Panik, das ist „Sa(rg)tire“!!! Und weil unsere Politiker plötzlich soo fürsorglich sind, könnte man ja mehr Tempo 30 Zonen einrichten, damit unsere lieben Alten und Kinder nicht so oft überfahren WÜRDEn und somit die Spitäler nicht verstopften und somit jetzt willentlich nicht am Hinschied unserer lieben Corona-Opfer grossen Anteil hätten! Ja, man könnte noch soviel für unsere lieben älteren Mitmenschen und Risikogruppen tun; schade dass die Elektrosensiblen nicht dazugehören, sonst müsste die Swisscom auf ihr „Corona-Gruppen-Warnsystem“ verzichten und das 5G zu Grabe tragen (...samt den ganzen leeren Corona-Flaschen!)! Viel Spass beim ausdenken weiterer Fürsorge-Ideen! Ich warte jetzt bloss noch, dass die SVP (Schweizer Viren Prävention!) nach ihrer Klima-Hysterie Zeitschrift eine Corona-Hysterie Zeitschrift rausbringt, schliesslich ist dieser Erreger ja ein Ausländer ohne gültige Einleisepapiele! Lieber Herr Pfluger, Sie präsentieren im Zeitpunkt ja immer so gute Vorschläge zu einem besseren Leben, also wer das jetzt lesen sollte, viel Freude uns allen beim Versuch einer menschlicheren Welt bei bewussterem Konsum und Übernahme von mehr Verantwortung. Ach ja, betreffs Leute welche nun in wirtschaftliche Not geraten, da wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen doch nicht so eine dumme Idee gewesen, leider auch von den Menschen abgelehnt, welche jetzt die grössten Pandemie-Ängste haben, welch Ironie dass der eigene Egoismus jetzt doppelt schmerzt! Herzliche Grüße, beste Gesundheit und immer schön den rabenschwarzen Humor bewahren , Thomas

@ Vetterli - Bilder benötigen Kontext

von Schirmbild
Die Berichte zu Bergamo sind wirklich schwer zu ertragen. Doch sind diese um den Konext zu ergänzen, der es in sich hat. Das Spitalwesen in Italien, auch der sogenannt reichen Lombardei, wurde seit Berlusconi kaputtgespart. Manche reden von einem Investionsstau von über 30 Milliarden Euro, wenn man die Infrastruktur hätte erhalten wollen, die einst war. Stattdessen dürfen jetzt Privatkliniken die Sahnehäubchen für sich nehmen. So waren die Spitäler vor zwei Jahren schon am Anschlag, dass jegliches Spitalpersonal aus den Ferien zurückgerufen wurde. Weiter wird selten die schlechte Luftverhältnisse in Norditalien/Poebene erwähnt. Im Besonderen sind in den letzten Jahren in Bergamo ein Anstieg der Lungenerkrankungen zu verzeichnen, für welche vor allem der Zementindustrie ursächlich ist. Wenn man allerdings auch noch weiss, dass bis in die 80er Jahre Asbest verarbeitet wurde, erstaunt vieles noch weniger. Das macht die Situation der Leidenden beileibe nicht besser, aber es liefert den nötigen Kontext für die Einordnung der Bilder, welche uns vorgehalten und gleich weitergeleitet werden. Ja, so geht Nachrichtenjournalismus, zuerst haut man die fetten Bilder und Überschriften raus, die bleiben trotzdem hängen, auch wenn sie sich als unwahr herausstellen würden. Wie im Fall Lesch dargelegt, ist jede Zurückhaltung abgelegt worden und man macht nur auf dicke Hose. Es ist wirklich traurig. PS - Aus NYC erreichen uns Nachrichten, dass die Laster unbenutzt rumstehen.