Es geht nur mit «system change»

«Die Öko-Katastrophe», das erste Buch aus dem Rubikon-Verlag

"Bollards To Everything" von samsaundersleeds (CC BY-SA 2.0)

Der Untertitel des ersten Buches des online-Magazins «Rubikon» überzeugt: «Den Planeten zu retten, heißt, die herrschenden Eliten zu stürzen». Es ist der Titel eines Artikels des Pulitzer-Preisträgers Chris Hedges, der in dem 380 Seiten starken Buch mit mehreren Texten vertreten ist.

Die insgesamt 40 Texte von über 30 Autorinnen und Autoren befassen sich mit den Manipulationen, den Realitäten und den Hoffnungen in Bezug auf die Klimakrise, die ja letztlich nicht bloss auf einen Überschuss an CO2 zurückgeht – das ist nur das Symptom – sondern auf die grossflächige Zerstörung der Umwelt und des Humanismus durch den neoliberalen Kapitalismus.
Mit Benzinsteuern, Kompensationszahlungen und dem Handel mit Verschmutzungsrechten ist weder der zutiefst gestörten Biosphäre noch der in ihr lebenden Menschheitsfamilie zu helfen, das zeigt das etwas voluminöse Buch in aller Deutlichkeit. Nur mit einer grundlegenden Reform unserer Wirtschaftsweise – gegen den Willen der Eliten! – wird die Klimakrise zu lösen sein, und mit ihr eine Reihe anderer, ebenso gefährlicher Entwicklungen.

Wer lieber Gedrucktes in der Hand hält und auf Papier liest, dem bietet der Band einen anregenden Querschnitt der Argumente für einen «system change» als Antwort auf den «climate change». Die Texte sind allerdings alle auch online in der Serie «Die Planeten-Zerstörer» vom vergangenen Oktober auf rubikon.info abrufbar.

 

Dirk Pohlmann und Jens Wernicke (Hrsg.): Die Öko-Katastrophe – den Planeten zu retten, heißt die herrschenden Eliten zu stürzen. Rubikon-Verlag, 2019, 384 S. € 24.80. ISBN 978-3-96789-000-6

Weitere Infos: https://www.rubikon.news/artikel/die-oko-katastrophe


Mit Aufsätzen von Noam Chomsky, Rainer Mausfeld, Chris Hedges, Charles Eisenstein, Franz Ruppert, Ullrich Mies, Nafeez Ahmed, Karin Leukefeld, Florian Kirner, Dirk Pohlmann, Sven Böttcher, Steffen Pichler, Jonathan Cook, Susan Bonath, Wolfgang Pomrehn, Stephan Bartunek, Roland Rottenfußer, Peter H. Grassmann, Murtaza Hussain, Klaus Moegling, Caitlin Johnstone, Medea Benjamín, Anselm Lenz, Felix Feistel, Nicolas Riedl, Jens Bernert, Hermann Ploppa und Jens Wernicke.

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Textprobe

aus einem Interview mit dem em. Professor für Wahrnehmungspsychologie, Rainer Mausfeld:

Es gibt mittlerweile Beispiele genug, die zeigen, dass von oben verordneteKämpfe – sei es gegen Populismus, gegen fake news, gegen rechts, gegen den Terror – in Wirklichkeit nicht der Bekämpfung dessen dienen, was sie zu bekämpfen vorgeben, sondern vielmehr zur Stabilisierung von Machtverhältnissen.

Wenn nun von oben ein Kampf gegen den Klimawandel ausgerufen wird, so kann man annehmen, dass die ökonomisch und politisch Mächtigen weniger das Gemeinwohl als ihr eigenes im Auge haben. Jede soziale Bewegung, die sich für Lösungen des Klimaproblems einsetzt, tut daher gut daran, stets genau zu schauen, wer aus den Zentren ökonomischer und politischer Macht sich in einer vorgeblichen Partnerschaft zu ihr ins Boot setzt und welche Ziele derartige »Mitstreiter« dabei verfolgen.
Etwa wenn Hunderte von Großkapitalgebern und Finanzkonzernen, die gemeinsam ein Vermögen von 34.000 Milliarden US-Dollar verwalten, in einem gemeinsamen Aufruf die Politik auffordern, Pariser Klimaziele zügig und konsequent umzusetzen. In solchen Fällen ist es erforderlich, sehr genau hinzuschauen und die genauen Beweggründe für derartige Allianzen zu identifizieren.
Bei einer angemessenen Analyse lässt sich aus solchen vergifteten Partnerschaftsangeboten viel lernen, weil sie uns genau zu den politischen Problemen führen, um die es tatsächlich geht.
Die Finanzinvestoren wie auch die ökonomischen Zentren der Macht allgemein sind nämlich darauf angewiesen, dass sie die für ihre ökonomischen Interessen relevante Realität in hinreichender ideologischer Nüchternheit wahrnehmen. Daher ziehen sie auch aus den vorliegenden geophysikalischen Befunden zum Klimawandel den korrekten Schluss, dass in absehbarer Zeit mit gewaltigen klimabedingten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen zu rechnen ist.

Zugleich sind sie mit der Realität politischer Entscheidungsmechanismen so gut vertraut, dass sie die Wahrscheinlichkeit für äußerst gering einstufen, in den uns verbleibenden, geophysikalisch diktierten Zeitspannen die erforderlichen Änderungen zu bewirken. Auf der Basis einer in Think-Tanks und Universitäten gekauften Vorhersagerationalität rechnen sie also in absehbaren Zeiträumen mit einer Destabilisierung der Weltwirtschaft, die ihre eigenen Geschäftsmodelle gefährdet und unkalkulierbar macht.

Die Frage, wie sich eine Klimakatastrophe abwenden lässt, ist also für sie eher nachgeordnet, weil sie die Chancen hierfür eher gering einschätzen. Was sie jedoch hier und heute interessiert, sind die wahrlich paradiesischen Möglichkeiten, aus den wachsenden gesellschaftlichen Ängsten vor einer Katastrophe Gewinne nie gekannten Ausmaßes zu erwirtschaften.

 

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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