Zum Tag der Frau am 8. März. Egal, aus welcher Gesellschaftsschicht, welcher Kultur, welchem Hintergrund wir kommen: Als Frauen verbindet uns etwas.

Sabine Lichtenfels ist Friedensforscherin, Mitgründerin von Tamera, Leiterin der Globalen Liebesschule.

Dieses Etwas will – nach vielen tausend Jahren Männerherrschaft – neu gefühlt, erfahren, definiert werden. Frauen suchen heute ein positives weibliches Selbstbild, das sie selbstbewusst bejahen können. Besonders brisant ist diese Suche in der Sexualität; denn nach einer Geschichte voller sexueller Gewalt und Machtmissbrauch ist hier die Verunsicherung am größten. Die Theologin und Friedensbotschafterin Sabine Lichtenfels findet mutige Worte für ein weibliches, sexuelles Selbstverständnis, für eine neue Orientierung der Frau.

Ich gebe dem weiblichen, geschichtlichen Archetyp das Wort, der noch nicht integrierten Kraft, die du in vielen Frauen, in ihren Wünschen, Ängsten, Nöten und tieferen Sehnsüchten wiederfindest.
«Ich bin eine Frau. Ich bin dankbar dafür, denn ich bin gerne eine Frau.» Schon allein dieser Satz, in voller Wahrheit ausgesprochen, verlangt einen grundlegenden Wandel im Weltbild der Frau und eine Wiederbesinnung auf ihre wahren und schönsten Quellen. Er verlangt Schritte der Befreiung aus dem gesellschaftlichen Korsett, in dem mir seit Tausenden von Jahren Bilder aufgezwungen wurden, die meiner wirklichen universellen Lebensquelle nicht entsprechen.

«Und da ich eine Frau bin, bin ich – neben vielem anderen – auch ein sexuelles Wesen. Und ich bin gerne ein sexuelles Wesen.» Diese Aussage, von einer Frau ausgesprochen, bedarf heute im 21. Jahrhundert eines revolutionären Mutes, der erst rudimentär in wenigen Frauen vorhanden ist, obwohl wir scheinbar im Zeitalter der sogenannten sexuellen Befreiung leben.

Sie bedeutet: Austritt aus der Scham.  Austritt aus der Angst vor Gewalt, Unterdrückung und Bestrafung. Aus der falschen Moral, der Angst vor dem Neid der Konkurrentinnen, aus den Normvorstellungen der Schönheitsindustrie. Austritt aus den Religionsvorstellungen der patriarchalen Kultur, aus dem alten Liebesbild und der Ohnmacht gegenüber dem Mann. Austritt aus dem sexuellen Vergleich und Leistungsdruck.

Es gibt kaum etwas, aus dem Frauen nicht austreten müssen, um die Bejahung ihrer Sexualität frei und ohne heimliches schlechtes Gewissen offenbaren zu können. Es gibt eine geschichtliche Urangst vor der Sexualität, die seit der Entstehung des Patriarchats in den weiblichen Zellen liegt. Diese Angst verstärkt sich auf der Stelle, wenn eine Frau ihre sexuelle Bejahung nicht nur an einen einzelnen Mann bindet. Bilder der Gewalt und Verachtung, der Vernichtung und Zerstörung aller weiblichen Elemente, die sexuellen Gräueltaten einer fehlgelaufenen Geschichte zwischen Mann und Frau liegen heute als sedimentierte Angst in unserem Organismus, sobald sie sich dem Thema Sexualität nähert. Die Grausamkeit und die Angst davor liegen jedoch nicht in der Sexualität selbst, sondern sie sind eine Folge der jahrtausendelang falsch gelenkten und unterdrückten Sexualität.

Ich bin eine Frau, die sich in liebender sinnlicher Verbindung auf mehrere Männer bezieht und sich mit ihnen geistig, sinnlich und wollüstig vereinen möchte.

Ich bin eine Frau, und ich bin gerne eine Frau und ein sexuelles Wesen. Ich bin eine Frau, die sich in liebender sinnlicher Verbindung auf mehrere Männer bezieht und sich mit ihnen geistig, sinnlich und wollüstig vereinen möchte. So wahr ich ein sexuelles Wesen bin, sage ich als Frau: Ich brauche den Mann. Aber ich brauche ihn weder als Tyrannen, noch als Pantoffelhelden, noch als Herrscher, noch in seiner alten belehrenden Rolle. Ich wünsche ihn als einen Liebhaber, der die sinnliche Liebe kennt. Ich werde mich ihm weder unterwerfen, noch mich bemutternd über ihn stellen, denn beides entspricht nicht meiner wahren sinnlichen Natur. Und ich werde ihn auch nicht mit falschen Mitteln an mich binden. Denn ich habe durch die letzten Jahrhunderte hindurch erfahren, dass Erpressung in der Liebe genau das zerstört, was wir ursprünglich aneinander geliebt haben. Ich werde dafür sorgen, dass die ursprüngliche, freie und wollüstige Begegnung mit den Männern möglich wird, wie ich sie schon seit Jahrtausenden wünsche. Ich werde die Männer in ihrer Entwicklung unterstützen, indem ich ihnen zeige, was ich an ihnen liebe und begehre und was nicht. Die wirkliche, auch sexuell gelebte Hingabe an den Mann macht mich nicht abhängig, sondern frei.

Der Eros selbst hat eine anarchistische Kraft, die alle falschen Normen sprengt. Er verlangt eine Öffnung und Teilnahme an der sinnlichen Welt über alle Ehe- und Beziehungsgrenzen hinaus. Aus der sinnlichen Anerkennung des anderen Geschlechts und der Anerkennung der erotischen Wirklichkeit entsteht eine tiefere Treue und Dauer zwischen Liebenden, die nicht mehr von Verboten und Eingrenzungen lebt. Eine immer umfassendere Offenbarung voreinander macht diesen Weg der Erkenntnis möglich und führt zu einer tieferen Treue, als sie im System der Ehe und der Ausgrenzung anderer jemals möglich war.

Der Eros ist von Natur aus frei und lässt sich nicht in künstliche Bahnen lenken. Aber dieses Verständnis können wir erst erlangen, wenn wir unsere Sexualität wieder heiligen – als Wissensquelle und universelle Liebesquelle.
Es gibt einen anonymen Aspekt in der Sexualität, den wir in frühen Kulturen in intimer Verbundenheit zur Natur und zur Göttin zelebriert haben. Diese Art von elementarer, einfacher, sexueller, aber auch gewaltiger Begegnung zwischen Mann und Frau wurde in der heutigen Kultur zurückgedrängt. Es ist die nicht verstandene Gewaltigkeit des Eros selbst, die zur Unterdrückung der Frau und damit zur Gewalt geführt hat. Das Heilige und das Sexuelle wurden getrennt. So entstand geschichtlich auf der einen Seite der romantische Minnesänger und Verehrer der Frau, der sie anbeten wollte und sie unantastbar machte. Auf der anderen Seite entstand der Triebtäter, der den Urgewalten des verbotenen Eros folgt. Entsprechend wurden Frauen und das Weibliche geteilt – in die Heilige und die Hure. Das Verbot des zugleich heiligen und wollüstigen Eros führte zu Formen von Sadismus und Masochismus bis hin zur realen Gewalttätigkeit, die sich als Blutspur von unsäglicher Grausamkeit durch die ganze patriarchale Geschichte zieht.

Damit die Liebe und der Eros sich so entfalten können, wie es meiner eigentlichen Weiblichkeit entspricht, bedarf es der Gemeinschaft, und zwar einer größeren Liebesgemeinschaft, die auf Vertrauen basiert.

Die ersehnte Verwirklichung der Liebe in all ihren Aspekten braucht die Integration des heiligen Aspektes der Sexualität. Damit die Liebe und der Eros sich so entfalten können, wie es meiner eigentlichen Weiblichkeit entspricht, bedarf es der Gemeinschaft, und zwar einer größeren Liebesgemeinschaft, die auf Vertrauen basiert. Ich möchte in einer Gemeinschaft mit Männern und Frauen, mit Kindern, Tieren und Pflanzen leben, so dass ich nicht immer wieder gezwungen bin, meine eigentliche Gestalt hinter den Bildern der Schönheitsindustrie zu verbergen. Wenn ich das darf, dann bin ich gerne eine Frau, denn dann kann ich es in vollem Umfang sein. Welch ein kulturgeschichtlicher Wandel könnte sich vollziehen, wenn wir Frauen unsere pflegende Kraft wieder investieren würden in den Aufbau von Gemeinschaften, in denen nicht Verstellung, sondern Vertrauen die Grundlage ist, so dass wir der erotischen Wirklichkeit gemäß leben könnten?

Es wird auf der Erde keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist.
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Sabine Lichtenfels, geb. 1954, ist Theologin, Friedensaktivistin, Autorin vieler Bücher und Mitgründerin der Friedensforschungsgemeinschaft Tamera/Portugal. Von ihr erschien unter anderem «Der Hunger hinter dem Schweigen», «Weiche Macht», «Tempel der Liebe».