Mensch sein und Welterkenntnis

Welches ist die Welt, welcher der Mensch eigentlich angehört? Denn die sichtbare Welt ist es nicht. Kolumne.

© Mia Leu

Zwei Fragen können wir aus dem ganzen Umfang dessen, was den suchenden Menschen heute bewegt, herauskristallisieren:  Wer bin ich, und was ist die Welt, welche mich umgibt? Wurzelfragen nenne ich sie. Denn sie stehen am Anfang, bewusst oder unbewusst, hinter jeder existentiellen Frage, welche wir an unser Leben stellen.

Durch die Empfängnis kommen wir herein in das irdische Leben, welches zwischen Geburt und dem physischen Tod verläuft. Wir sehen unser Leben verlaufen mit den mannigfaltigsten inneren und äusseren Erlebnissen, mit der Fülle aller Eindrücke, die an den Menschen herankommen und uns verbinden mit der Welt.

Mit unserem Tod nimmt die Welt, die Erde oder Natur unseren physischen Leib in ihren Stoffkreislauf auf. Ob feuer- oder erdbestattet, ist in diesem Moment unerheblich. Gewöhnlich schauen wir nicht nach, welche Wege die einzelnen Substanzen dieses physischen Menschenleibes nach dem Tod nehmen. Es gibt Orte, an denen menschliche Leichname mumifiziert und in Glasbehältern abgeschlossen und so aufbewahrt wurden. Übrig blieb eine verzerrte, vertrocknete menschliche Gestalt. Bei geringfügiger Erschütterung zerfiel sie zu Staub. Solche Beobachtungen hinterlassen einen tiefen Eindruck in der menschlichen Seele.

Aus der sichtbaren Welt, der Erde und der Natur gewinnen wir Einsichten und Erkenntnisse über die physisch-räumlichen Verhältnisse des Lebens. Die Essenz des Lebens und die Zeit als schöpferische Kraft bleibt uns jedoch verborgen. Gleichzeitig zerstört dieselbe Natur, sobald der Tod eintritt, unseren physischen Leib. Alle Naturerkenntnis beruht also im Kern auf der Frage: Was ist die Welt?

Menschliches Leben bedeutet die Einheit von physischem, seelischem und geistigem Sein. Die Wirkung seelischer und geistiger Kräfte innerhalb des menschlichen Leibes, auch Bildekräfte genannt, stellen die Grundlage unserer physischen Existenz und Gesundheit dar. Wird diese Einheit beeinträchtigt, tritt zunächst Krankheit ein. Wird sie teilweise oder ganz getrennt, sind wir in Todesgefahr oder der Tod tritt ein. Ist unser physischer Leib ganz den Naturgesetzen ausgeliefert, zerstört sie ihn nach wenigen Tagen. Geben wir uns dieser Tatsache ganz hin, entsteht zwangsläufig die Frage: Wer bin ich also und welcher Welt gehöre ich an, wenn diese Erde mit ihren Naturgesetzen nichts anderes kann als meinen physischen Leib zu zerstören?

Der menschliche Leib wird durch seine unvergänglichen Komponenten Seele und Geist gebildet. Die körperliche Grundlage des menschlichen Leibes zwischen Empfängnis und Tod jedoch ist vergänglich und verbleibt im Lebensorganismus der Erde. Die Verbindung zwischen Mensch und Erde ist im Wesenskern eine geistig-seelische. Zwischen Tod und Geburt verweilt der Mensch in dieser Welt. Siehe hierzu auch meine Kolumne Thanatos der Tod und sein Bruder Hypnos der Schlaf.

Und wenn wir als Menschen unbefriedigt sind mit dem, was die heutige Wissenschaft zur Lösung unserer wichtigsten Fragen beisteuert, so aus dem Grund, dass sie diese Wurzelfragen nicht im Entferntesten berührt.

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät, pflanzt und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen.

«Richte dich nicht ein, als könntest du hundert Jahre alt werden; denn wie nahe ist vielleicht dein Ende. Aber solange du lebst, solange es in deiner Macht steht – tu Gutes». (Marc Aurel)