Rise for Freedom – Aufstehen und Tanzen gegen Gewalt

Am 14. Februar, dem Valentinstag, feiern viele tausend Frauen und Männer seit elf Jahren «One Billion Rising» – einen Tag mit Flashmobs und anderen Aktionen gegen Gewalt gegen Frauen. Aus diesem Anlass eine Reise durch Geschichte bedrohter und erwachender Weiblichkeit.

One Billion Rising - Flashmob in Indonesien, Foto: one-billion-rising.org

Ihr Gesicht kann niemand vergessen, wer es einmal gesehen hat: Ameneh Bahraminava aus dem Iran war Elektrotechnikerin und eine schöne junge Frau. Bis sie den Heiratsantrag eines vier Jahre jüngeren Mannes zurückwies. Er lauerte ihr auf und schüttete ihr aus Rache Säure ins Gesicht. Heute ist sie blind, ihr Gesicht wurde zur Kraterlandschaft, und die Schmerzen werden sie nie mehr verlassen. Es ist ein brutaler Brauch, der jedes Jahr einige hundert Frauen in Indien, Bangladesh oder Iran das Gesicht, die Freude und die Zukunft nimmt. Und es ist ein Teil dieses erbitterten Krieges, der seit 10.000 Jahren in allen Erdteilen tobt: des Krieges gegen Frauen und Weiblichkeit.

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Ameneh Bahraminava

Hier möchte ich einmal die Göttin sein und ihre Hände, unter denen alles erblüht, auf diese armen Gesichter legen, ihnen die Schönheit und das Lachen wiedergeben. Manchmal will ich auch die Rachegöttin sein und Feuer und Schwert unter diese Männer werfen, sie bestrafen für ihre Borniertheit und Brutalität. Doch dann sehe ich die Verletztheit ihres eigenen Lebens: Wie armselig und leer, wütend und enttäuscht muss das Herz eines Mannes sein, der zu so etwas in der Lage ist! Wie armselig muss unsere Welt sein, dass so etwas überhaupt möglich ist! Wir brauchen eine weltweite Frauenbewegung, die so mächtig, überzeugend, unwiderstehlich und untereinander einig ist, dass sie diese Brutalität für immer unmöglich macht. 

Die UNO schätzt, dass jede dritte Frau in ihrem Leben einmal sexuelle Gewalt erleidet. Das sind, wenn man es hochrechnet, 1 Milliarde Frauen und Mädchen. Eve Ensler aus New York und ihre Mitstreiterinnen beschlossen, den Aufschrei darüber in Form eines Tanzes darzustellen. Seit 2013 nehmen jedes Jahr am 14. Februar in über 200 Ländern der Erde Zehntausende von Gruppen von Frauen und Mädchen an dem Tanz teil, auf Strassen, Plätzen, in Gefängnissen, Schulen und Parlamenten. Inzwischen beteiligen sich immer mehr Männer an den Aktionen, auch die Themen haben sich erweitert: Es geht im weitesten Sinn gegen Gewalt. Im Jahr 2023 ist das Thema: Rise for Freedom.
www.onebillionrising.org

Feminismus hat für mich zwei Wurzeln: Einmal die absolute Empörung darüber, wie viele Frauen und Mädchen weltweit auch heute noch benachteiligt, entmündigt, ausgegrenzt, zwangsverheiratet, missbraucht und misshandelt werden. 

Der Thron der Königin ist leer. (Veit Lindau)

Und zum anderen die Ahnung einer mächtigen, angstfreien Weiblichkeit, die sich nicht am Mann und an männlichen Werten orientiert, sondern an der eigenen Quelle. Manche nennen dies die Kraft der Göttin. Ab und zu begegnet sie uns in einer Frau, die unbekümmert ihre Liebe und Anteilnahme, ihre Lust und ihr Wissen oder ihren Zorn zeigt. Manchmal spüre ich sie in mir selbst aufkeimen - und dann sehe ich die ganze Welt mit anderen Augen. Doch noch hat sich die Göttin nicht wieder auf der Erde niedergelassen. «Der Thron der Königin ist leer», wie Veit Lindau schreibt.

Feminismus bedeutet, die Bedingungen und das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich furchtlose und autonome Weiblichkeit in immer mehr Frauen und Mädchen entfaltet. Es bedeutet, mitzuhelfen, dass Frauen aller Altersgruppen, Berufe, Ethnien, sozialer Schichten und sexueller Orientierungen sich gegenseitig erkennen, schützen und unterstützen. 

Ich beginne mit der Urgeschichte. Mit den egalitären, matrilinearen Urkulturen, die es einst auf allen Kontinenten gab. Mit der Fähigkeit, Leben zu gebären, repräsentierten Frauen die Grosse Göttin, die Mutter allen Lebens. Das bedeutete keineswegs Machtausübung. Es gab keine Herrschaft im heutigen Sinn. Die Menschen lebten in Sammlerkulturen, Stämmen und Gemeinwesen, waren basisdemokratisch, sexuell recht entspannt und lösten Konflikte nicht mit Gewalt. In den frühen Stadtgründungen wie Catal Hüyük (Anatolien) wurden jedenfalls keine Verteidigungsanlagen, Waffen oder Ascheschichten gefunden, die auf Krieg und Eroberung deuten könnten. Diese weiblich orientierten, friedlichen Kulturen überdauerten Zehntausende von Jahren. Einige bis in die Neuzeit, z.B. die Mosuo in China. 

Gleichzeitig mit den Frauen wurde alles Sexuelle und die Erde selbst unterworfen, für niedrig und schmutzig erklärt. 


 

Das Patriarchat kam schnell und heftig «wie ein Unfall», schreibt Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Der brutale Umsturz der friedlichen Kulturen geschah in allen Kontinenten fast gleichzeitig, beginnend vor etwa 10.000 Jahren. Ob es tatsächlich an effektiveren Agrartechniken und dem damit einhergehenden Beginn von Herrschaftsanspruch lag oder ob es sexuelle Gründe waren: Der Mann löste sich aus dem Kontinuum der Göttin, er fand eine ganz neue Möglichkeit der Machtausübung – Herrschaft und Gewalt. Erotisch selbstbewusste Frauen bedrohten seine Macht. Sie wurden brutal unterworfen, ihrer Freiheit beraubt und durch Zwangsehe dem Besitz eines Mannes zugeordnet.

Merken wir uns vor allem zwei Dinge: Gleichzeitig mit den Frauen wurde alles Sexuelle und die Erde selbst unterworfen, für niedrig und schmutzig erklärt. Mensch wollte nicht mehr Teil der Schöpfung, sondern ihr Herrscher sein; als mächtig galt nicht mehr, wer Leben geben, heilen oder hüten, sondern wer am meisten töten konnte. Der Kelch als Kultursymbol wurde vom Schwert abgelöst, wie Riane Eisler es ausdrückt.

Frauen wurden Untertanin des Mannes. Unsere Quellen, unsere ureigene Kraft, unser wahres Selbst mussten wir verbergen. Mit der Zeit identifizierten wir uns selbst mit dem Bild vom schwachen Geschlecht. Feminismus ist eine lange, teilweise mühsame und manchmal in die Irre führende Reise, unsere ureigene Kraft wieder zu erinnern und anzunehmen.

Es gab in der Geschichte wunderbare Frauen, die sich für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzten, sich dem vorgezeichneten weiblichen Lebensweg entzogen und ihre ureigene Weiblichkeit lebten. Da fällt mir die Dichterin Sappho aus Lesbos ein, die den Eros besang und als Mentorin junge Frauen unter ihre Fittiche nahm. Oder die französische Herzogin Margarete von Navarra, die in ihrem kleinen Reich im 15. Jahrhundert human und umsichtig agierte - eine Beschützerin von Andersdenkenden und Philosophen. Schon zuvor hatten sich in der mittelalterlichen christlichen Frauenbewegung der Beginen Zehntausende von Frauen versammelt, die aus ihren Ehen und Familien ausstiegen, in Gemeinschaften zusammenlebten, Kranke pflegten und Kinder unterrichteten. 

Bis zur Neuzeit wurden diese Impulse noch unterdrückt, isoliert oder verschwiegen. Noch blieb der «Thron der Königin» leer. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Frauenbewegung als politisch verändernde Kraft sichtbar und fühlbar.

Die Schriftstellerin und Revolutionärin Olympe de Gouges hatte bereits 1791 die Menschen- und Bürgerrechte auch für Frauen gefordert: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit sollten kein männliches Monopol mehr bleiben. In den kommenden Jahrzehnten entstanden in vielen Ländern Frauenrechtsgruppen, oft aus unterschiedlichen Motiven, aber mit demselben Resultat. Frauen wollen dieselben Rechte wie Männer: aktives und passives Wahlrecht, Recht auf Erwerbstätigkeit, Recht auf Ausbildung. Viele Frauen wollten darüber hinaus die Gesellschaft insgesamt verändern und Sklaverei, Ausbeutung oder Krieg nicht mehr tolerieren. Sie schrieben Bücher, debattierten in Salons, demonstrierten auf den Strassen – und wurden mit abfälligen Bezeichnungen wie Blaustrümpfe und Sufragetten lächerlich gemacht. Man nährte das Bild von «wahren», also zarten Frauen, die nicht an so groben Dingen wie Wahlrecht interessiert sein könnten.

Spätestens nach Weltkrieg I. war dieses Frauenbild obsolet. Frauen in allen Ländern mussten Männerarbeit tun, und das trotz Trauma, Krankheit, Zerstörung der Infrastruktur und Lebensmittelknappheit. In der Neuorientierung nach dem Krieg richteten die meisten Länder das Frauenwahlrecht ein. Auf dem Papier hatten die Frauen der meisten modernen Länder jetzt dieselben Rechte wie Männer. 

Gleichberechtigt nach dem Gesetz ist noch lange nicht gleichwertig. Im deutschen Faschismus wurde der Lebensentwurf als blitzsaubere Hausfrau und Mutter noch einmal zementiert, und auch in der Nachkriegszeit änderte sich das nur sehr langsam. Erst in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand wieder ein starker Impuls der Frauenbewegung, ausgehend von den grossen linken Bewegungen in den USA, Frankreich, Deutschland der 60er. Viele Frauen waren an ihnen beteiligt, fanden aber zu Hause und in den linken Gruppen dieselben autoritären Männerstrukturen vor. Sie wurden autonom und entdeckten für sich den «subjektiven Faktor»: Durch das Sprechen über die eigene Betroffenheit, ausgehend vom eigenen Schmerz und persönlichen Selbstgefühl begannen sie, ihre Situation zu analysieren und zu erkennen, dass sie allgemeingültig waren. Frauen entdeckten ihren Körper als Politikum: «Die Scham ist vorbei», schrieb Anja Meulenbelt. Zu den Zielen Gleichberechtigung und «gleichem Lohn für gleiche Arbeit» kamen sexuelle Selbstbestimmung, Recht auf Abtreibung.

Wir tauschten uns aus über Dinge, über die vorher nicht gesprochen wurde: Menstruation, sexuelle Frustration, Überforderung von Müttern, sexuelle Gewalt, Langeweile in der Ehe, Wechseljahre. Es entstanden neue Perspektiven und eine weibliche Kultur. Frauengruppen, Frauenzentren, Frauen-Cafés, Frauenhäuser, Frauenzeitschriften, Frauenliteratur, Frauenbands, Frauenfeste - in allen Städten gab es Treffpunkte. Für mich als junge Frau war es ein ungeheurer Aufbruch. Durch den Ausschluss von Männern blühte in diesen Nischen ein ungewöhnliches Lebensgefühl, viele fühlten sich freier. Es wurde debattiert und studiert, aber auch geflirtet und geliebt, und Lesbisch-Sein wurde für viele eine interessante Alternative.

Dass in der ganzen Schwesterlichkeit so mancher Konflikt, so manche Wahrheit unter den Teppich gekehrt wurde, fiel uns erst später auf. Aber es gab Auswüchse, die mir damals schon faschistisch vorkamen. Slogans wie «Jeder Mann ein Vergewaltiger» entstanden aus berechtigter Empörung, schossen aber weit über das Ziel hinaus. Wie hätten wir das umgekehrt empfunden! Ein Freund von mir, der irrtümlich des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wurde, konnte nicht mehr aus dem Haus gehen, ohne von Frauengruppen verfolgt und angeschrieen zu werden. Seine Wohnung und Arbeitsstätte wurden mit Slogans bemalt, er wagte sich nicht mehr hinaus und verzweifelte. Seinen Freispruch und seine völlige Entlastung von dem Verdacht hat er nicht mehr erlebt.

Von diesem extremen Verständnis von Feminismus fühlten sich immer mehr Frauen abgestossen. Wollten wir nicht weiblichere Strukturen schaffen? Was da geschah, war genau das Gegenteil. 

In den Achtziger und Neunziger Jahren brachte die Solidarität mit Frauen aus aller Welt der Frauenbewegung neue Impulse. Die grossen UN-Frauen-Konferenzen in Nairobi und Peking öffneten uns die Augen für die Situation, aber auch die Kraft und Schönheit von Frauen aus dem globalen Süden. Was tun Frauen angesichts von Zwangsverheiratung, Steinigung, Vaginalverstümmelung, Massenvergewaltigungen als Kriegsmittel, um sich und ihre Geschlechtsgenossinnen zu schützen und zu heilen? Immer noch bin ich voller Bewunderung, wenn ich etwa an die verstorbene Kenianerin Wangari Mathaai denke und ihren Einsatz für Frauen und für Wälder. Es entstanden unglaublich schöne kulturübergreifende Bündnisse und Austausch zwischen Afrikanerinnen, Frauen aus dem Iran, aus China, aus Brasilien und Chile, aus der arabischen Welt - aus fast allen Ländern der Erde. Eine Erkenntnis war, dass in allen Kriegen vor allem die Frauen leiden. Frieden wurde nun ein ganz grosses Ziel der Frauenbewegung.

Und dann kam Metoo! Ein Aufschrei, der um die Welt ging: Auch wir wurden sexuell missbraucht, ausgenutzt und belästigt. Das Schweigen-Brechen von Opfern ist ein Beginn von Heilung und Befreiung. Gleichzeitig fragen sich viele Frauen: Warum finden wir wieder einmal unsere Solidarität darin, uns gegen das sexuelle Begehren der Männer zur Wehr zu setzen? Wird es nicht an der Zeit, dass wir unser weibliches Begehren zeigen und formulieren? Ein spannender Diskurs.

Was sexuelle Gewalt angeht, sind wir überdies meist auf einem Auge blind. Gewalt von Frauen ist oft subtil, psychisch, strukturell. Doch laut Statistiken sind rund 20 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Männer. Jedes Jahr werden allein in Deutschland 26.000 Männer als Opfer erfasst. Darüber wird nicht oft gesprochen – Männer schämen sich. Und Frauen wollen zwar stark sein, aber trotzdem als Opfer gelten. 

Wirkliche Stärke heisst für mich, auch unsere Schatten zu erkennen und zu ändern. Das geschieht auch. Immer öfter kämpfen Frauen zusammen mit Männern für die Verteidigung aller Lebensrechte. Denn ich bin sicher: Der «Thron» ist nicht nur für Frauen – den wollen wir gemeinsam erringen.

Ich wünsche uns allen einen schönen One Billion Rising Tag!