Schenken: Liebe oder Ökonomie? Beides
Ein wahres Geschenk ist, wenn man sich nicht verpflichtet fühlt, etwas zurück zu schenken. Doch es gibt Ökonomien, die genau darauf beruhen: schenken und beschenkt werden. Die Samstagskolumne.
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«Obrigado» bzw. «obrigada» heisst wörtlich: verpflichtet. Bild: Pexels.com

In Portugal, wo ich einmal lebte, bringen die Nachbarn Neuzugezogenen im Dorf ungebeten Geschenke: Kuchen, selbstgekochte Leckereien – einfach so. Wenn man nicht da ist, legen sie es vor die Tür. In ein paar Tagen kommen weitere Geschenke: ein Auflauf, selbstgestrickte Topflappen, Orangen aus dem Garten.

Das ist mehr als ein Geschenk: Es ist eine Einladung in die unausgesprochene Dorfökonomie. Wenn man es bei einem Dankeschön belässt, wird man nie ein unfreundliches Wort dazu hören. Man hört überhaupt nicht mehr viel, denn man bleibt die oder der Zugezogene. 

Nimmt man die Einladung an, beginnt man selbst, den Nachbarn Geschenke zu machen. Am besten selbst hergestellt: ein Glas Marmelade, Sauerteigbrot, ein Lied, das man ihnen vorspielt oder etwas Gutes aus der fernen Heimat. Persönlich soll es schon sein. Daran erkennen die neuen Nachbarn, mit wem sie es zu tun haben. Übertritt man keine weiteren ungeschrieben Gesetze, wird man irgendwann eingeladen, ein Schwatz an der Haustüre, das Tauffest vom Neffen, man erhält und gibt weiterhin Geschenke und bekommt mit dem Dorfklatsch wertvolle Informationen über die Menschen und die Geschichte des Dorfes. Denn man hat erfüllt, was mit dem portugiesischen Wort für Danke gemeint ist: «Obrigado» bzw. «obrigada». Es heisst wörtlich: verpflichtet. 

Wenn ich in einer Runde davon erzähle, gibt es immer zwei Reaktionen: Die einen finden es wunderbar und erinnern sich vielleicht an das Landleben in unseren Breiten, wo es ähnliche Bräuche gab. 

Die anderen sagen: Nein, wenn eine Bedingung oder Erwartung an ein Geschenk geknüpft ist, dann ist es kein Geschenk. Es ist eine Wirtschaftsbeziehung. 

«Ein Geschenk ist wie Liebe,» sagt meine Tischnachbarin. «Die vermehrt sich, wenn ich sie ohne Bedingungen schenke, und nicht wenn ich zurück geliebt werden will.»

Stimmt. Echtes Schenken hat mit Liebe zu tun und macht vor allem den Schenkenden glücklich: Wenn ich jemanden beschenken möchte, nehme ich mir Zeit, lasse mich auf ihn ein, versetze mich in ihn hinein, überlege, was ihn so richtig freuen würde. Ein Einfall oder Zufall kommt zur Hilfe – manchmal sehe ich etwas auf einem Markt und denke: Das wäre genau das richtige. Dann nehme ich es mit, verpacke es, schreibe eine Karte dazu, warte auf die richtige Gelegenheit – und allein die Vorfreude auf die Freude des anderen – gesteigert durch die Spannung des Auspackens – ist die ganze Mühe wert. 

Es können auch kleine Dinge sein. Ein Lieblingsgericht kann ein wunderbares Geschenk sein, ein gutes Frühstück. Wer gerne backt oder Marmeladenrezepte ausprobiert, muss sich nie viele Gedanken um Geschenke machen. Durch liebevolle Geschenke entsteht ein Netz von Beziehungen – das immer fester wird: eine Gemeinschaft.

Schön ist auch ein Geschenk, von dem man weiss, dass jemand es dringend braucht. Vielleicht habe ich es übrig? Eine Eckbank vielleicht oder Winterhandschuhe? Eine Massage? Zeit für ein Gespräch oder einfach Aufmerksamkeit? 

Auch Geld kann mit Liebe gegeben werden. Ich erinnere mich an eine wirklich knappe Zeit, als eine Freundin mir einfach so wortlos einen Hunderter zuschob – mir fielen hundert Sorgen von den Schultern, ich hätte sie küssen mögen. 

Echtes Schenken und Liebe gehören also zusammen. Aber was wäre, wenn das kein Widerspruch wäre zu Schenken als Grundlage für eine Ökonomie? Das wäre keine Profit-Ökonomie, sondern eine Schenkökonomie. Ich könnte auch sagen: Liebesökonomie. Die Natur selbst ist ein Beispiel dafür.

«Die Ros kennt kein warum, sie blühet, weil sie blühet»… ebenso ein Baum. Er schenkt in Überfülle seine Gaben: Früchte, Schatten, Sauerstoff, Reisig, Holz, Käfern und Vögeln Schutz und Nahrung – und mehr – so viel er kann, in Schönheit und Würde. Denn das ist sein Lebenssinn. Und erhält in einem gesunden Ökosystem alles, was er dafür braucht. Wer bin ich zu bewerten, ob ein Baum uns seine Geschenke aus Liebe macht! Feststeht, dass sie nicht von Gegenleistungen abhängig sind. Würde ein Baum oder Ökosystem seine Dienste monetarisieren und die exakte Bezahlung erwarten, die Produktionseinstellung etwas drosseln, um die Preise zu erhöhen, so dass er mehr Wasser, Dünger etc. dafür erhält... das wäre das Ende der Schönheit von Wald und Garten. 

Wir sind frei, die Geschenke der Natur anzunehmen oder es bleiben zu lassen. Eine Gemeinschaft – wie im portugiesischen Dorf – entsteht mit der Natur aber erst, wenn ich Geschenke zurückgebe: wenn ich ihr Zeit, Pflege, Schutz, Achtsamkeit und gute Gedanken schenke. 

Wie könnte Schenkökonomie unter Menschen aussehen? In einigen indigenen Gesellschaften haben diejenigen das meiste Ansehen, die am meisten verschenken. Die reichsten machen mindestens einmal im Jahr ein Fest, wo alle willkommen sind. Je grosszügiger man die Gäste bewirtet, desto höher das Ansehen. So werden keine Werte lange gehortet, es kommt alles wieder in Umlauf und wird ausgeglichen – wie der Baum, der an seinen Äpfeln zerbrechen würde, würde er sie nicht allesamt verschenken.

Wir westlichen Menschen müssen in einem Profitsystem überleben. Da ist Vertrauen rar gesät, und Knappheit ist wertvoller als Fülle. Aber die meisten von uns können es sich leisten, dem Profitsystem hier und da kleine Bereiche wieder abzugewinnen – und diese Bereiche langsam zu vergrössern. Durch Geschenke.

Mein Liebster war fast fünf Jahre auf Tippelei – auf Gesellenwanderschaft – auch in aussereuropäischen Kulturen. Dort lernte er, auch von ärmsten Menschen Geschenke anzunehmen – etwas zu Essen, ein Schlafplatz, eine Mitfahrgelegenheit oder andere Dinge, die er dringend brauchte. «Ich hatte fast nie Gelegenheit, ein Geschenk direkt zu erwidern, das wurde auch gar nicht erwartet. Die Haltung, die ich dabei lernte, war, an einem anderen Ort, zu einer anderen Gelegenheit auch etwas zu schenken, was jemand anders dringend brauchte.» 

So könnte eine Spur des Schenkens und Beschenktwerdens durch die Welt gehen. Ich stelle mir vor, dass es mit der gleichen Freude und Liebe geschehen könnte, mit der ich einen Geliebten oder Freund beschenke.

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch «Leila» Dregger), Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebt über 40 Jahre in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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