Wirklichkeit ist eine Entscheidung

Ein Gedankenspiel wie zwei Menschen mit der gleichen Situation grundverschieden umgehen können, und was daraus wird. Kolumne.

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Es ist die Geschichte von zwei Freunden: Dubio, der Vorsichtige, geht ängstlich durchs Leben und will sich gegen alle möglichen Risiken absichern. Speranza hingegen ist eine Frohnatur, vertraut dem Schicksal, ohne sich schon im Voraus gross Sorgen zu machen. Tauchen Probleme auf, so sucht sie mutig nach konstruktiven Lösungen.

Die beiden wohnen am Rande einer Wüstenregion und erleben gerade eine extreme, lang anhaltende Dürreperiode. Mit zunehmender Sorge beobachten sie, dass die Wasservorräte immer knapper werden, die Wasserstellen immer mehr austrocknen.

Dubio hat Angst zu verdursten und igelt sich verzweifelt in seine Hütte ein. Eines Tages klopft Speranza bei ihm an und schlägt vor, gemeinsam nach einer neuen Wasserstelle zu suchen. Sie ziehen los und jeder nimmt nur eine Wasserflasche aus ihrem dürftigen Vorrat mit. 

Eine Weile sind sie schon unter der sengenden Sonne umhergeirrt, ohne auch nur einen Rinnsal entdeckt zu haben. Ihre Wasserflaschen sind bereits zur Hälfte ausgetrunken, da lässt sich Dubio ermattet auf die Erde sinken, beklagt sich, dass seine Wasserflasche halbLEER ist und sie elendlich verdursten würden. Speranza tröstet ihn, dass sie doch noch eine halbVOLLE Flasche zur Verfügung hätten und deshalb die Hoffnung nicht aufgeben sollten.

Doch Dubio lässt sich nicht überzeugen, beschimpft Speranza als blauäugig und naiv und beschuldigt sie sogar, dass sie mit ihrem verantwortungslosen Verhalten ihre Leben aufs Spiel setzen würde. Sie wären besser zu Hause geblieben! Speranza ist erschüttert über die wütenden Vorwürfe ihres Freundes, kann ihn aber mit Argumenten nicht mehr erreichen. Alles prallt an seinem Angstkokon ab. Als sie schliesslich wortlos weitergehen, trennt sie eine kalte Mauer von Entfremdung und Wut.

In zunehmender Panik rationiert Dubio sein Wasser immer mehr, bis er sich schliesslich nur noch einen kleinen Schluck pro Tag genehmigt. Sein Körper trocknet immer mehr aus, wird schwächer, und auch psychisch geht es ihm immer schlechter. Er stolpert fast blind durch die Landschaft und übersieht sogar eine der seltenen Kaktusfrüchte, die ihnen ein wenig Flüssigkeit schenken könnten. Verzweifelt lässt er sich schliesslich auf die Erde fallen, weigert sich stur, auch nur noch einen Schritt weiterzugehen, um sein Leben nicht noch mehr zu gefährden.

Speranza hingegen hört auf ihren Körper und trinkt so viel, dass sie noch genug Energien hat um weiterzulaufen. Sie ist sparsam, ohne ihren Körper unnötig quälen zu müssen. Widerwillig muss sie ihren Freund zurücklassen und setzt die Suche nach einer Quelle alleine fort. Sie ist traurig, vertraut darauf, dass Mutter Erde sie nicht im Stich lassen wird und sie schliesslich finden wird, wonach sie sucht. Und falls nicht, so hat sie doch ihr Möglichstes getan und wäre bereit, ihr Schicksal anzunehmen.  

Achtsam läuft sie weiter, als ihr plötzlich ein kleines Pflänzchen auffällt, das die verkrustete Erde durchstossen hat. Behutsam fängt sie an in der Erde zu graben und spürt erfreut, dass diese immer feuchter wird, je mehr sie in die Tiefe dringt. Sie ist auf eine Quelle gestossen! Unbeschreiblich gross ist ihre Freude, als er erkennt, dass sie nun alle gerettet sind!

Nun, auch wenn wir nicht immer die Wahl haben, WAS in unserem Leben geschieht, so sind wir immer frei zu entscheiden, WIE wir mit der Situation umgehen möchten.

Die gleiche Wirklichkeit kann von verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich erlebt und bewältigt werden. Dies zeigt, dass es für uns Menschen keine für alle gültige, absolut richtige Wahrheit gibt, sondern dass Wahrheit immer eine Frage der Perspektive ist.

Bestimmt war das Lebensgefühl der Menschen, als sie noch auf der Scheibenwelt lebten, ein völlig anderes, als unser heutiges, die wir auf einer Kugel, mitten im Himmel, leben. Doch was wird morgen unser Weltbild sein…?!

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Mirjam Rigamonti Largey aus Rapperswil in St. Gallen ist Psychotherapeutin, hat Psychologie, Religions-Ethnologie und Ethnomedizin studiert, arbeitet als Kunstschaffende, freie Schriftstellerin und als Friedensaktivistin.

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