Nachhaltigkeit gibt’s nicht als Stückwerk

«Neustart Schweiz» – jetzt will ein Verein konkret werden

Nachbarschaften mit gemeinsamen Einrichtungen und beliefert von umliegenden Bauernhöfen – mit diesem Konzept lässt sich ein nachhaltiger, genussvoller Lebensstil mit einem Energieverbrauch von weniger als 2000 Watt realisieren. Um dieser Idee zum Durchbruch zu verhelfen, hat sich Ende August in Olten «Neustart Schweiz – Verein für ökologisch-soziale Erneuerung» gegründet.

Bei allen Erfolgen der Umweltbewegung: Wir sind noch immer weit entfernt von einem nachhaltigen Lebensstil. Um nicht zu resignieren, sind wir schon mit einer Wachstumsverlangsamung des Ressourcenverbrauchs zufrieden. Eine Trendwende ist das noch nicht. Ohne lange Analyse dieser unbefriedigenden Situation kann man mit einiger Sicherheit feststellen: Sektorielle Massnahmen genügen nicht.
• Wir können nicht den Verkehr reduzieren, ohne gleichzeitig Arbeiten, Wohnen, Einkauf und Freizeit räumlich zusammenzuführen.
• Wir können nicht den Einkauf lokaler gestalten, ohne die Versorgungsstrukturen zu verändern.
• Wir können nicht die Energieversorgung dezentralisieren, ohne die Energieproduktion und -verteilung zu demokratisieren.
• Wir können nicht das Wohnen lebensfreundlicher gestalten, ohne ein Minimum an Gemeinschaftsfähigkeit zu lernen und ohne in die Stadtplanung einzugreifen.
Diese paar Beispiele müssen für die Erkenntnis genügen: Alles hängt mit allem zusammen. Aber wo ist die Organisation, die all die Elemente einer nachhaltigen Entwicklung in einer koordinierten Strategie zusammenführt?

Das Ziel ist weit …

Diese riesige Lücke will der neugegründete Verein «Neustart Schweiz» schliessen. Es ist ein sehr ambitioniertes Ziel, das sich die knapp fünfzig Gründungsmitglieder, Akademiker, Umweltbesorgte und Aktivisten, vorgenommen haben. Sie rekrutieren sich aus der Leserschaft des gleichnamigen Buches des Zürcher Autors und Urbanisten P.M., das soeben in zweiter Auflage erschienen ist.
Beginnen wollen sie mit der «Schaffung von vielfältigen Nachbarschaften als selbständige wirtschaftliche und soziale Organismen mit Nachbarschaftszentren, die die wichtigsten Bedürfnisse des Alltags abdecken (Begegnung, Versorgung, Dienstleistung, Freizeitgestaltung)», wie die Zweckbestimmung des Vereins formuliert ist. Das ökologische und soziale Potenzial solcher Nachbarschaften mit 500 bis 1000 BewohnerInnen ist erheblich. Untersuchungen deutscher Ökodörfer zeigen: Mit 1500 Watt Energieverbrauch pro Person ist ein gutes Leben absolut möglich. «Sparen durch Bereicherung», auf diesen Nenner könnte man das Leben in einer «Neustart-Nachbarschaft» bringen.

… die ersten Schritte nah
Der Verein will nun für die Umsetzung der Vision «Neustart Schweiz» aus dem Buch eine Strategie entwickeln. Im Vordergrund steht die Überzeugungsarbeit bei Umweltorganisationen und in der Politik, dass Nachhaltigkeit nur als integriertes Paket zu haben ist und ökologisch-soziale Nachbarschaften ein lohnendes erstes Ziel darstellen. Möglichst schnell soll auch ein Pilotprojekt lanciert werden. Dazu braucht es zunächst eine Architekturstudie und eine wissenschaftliche Untersuchung über den ökonomischen, ökologischen und sozialen Nutzen. Und dann werden natürlich Nachbarschaften mit einer aufgeschlossenen Bevölkerung gesucht, in denen sich das Konzept ohne allzu grosse Investitionen umsetzen lässt. In der Verfolgung seiner Ziele hat der Verein bereits eine beachtliche Aktivität entwickelt. Rund die Hälfte der Mitglieder ist in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv. Man darf gespannt sein, wie der Neustart startet. Natürlich braucht eine solche Vision viele Mitglieder, die sie mit ideeller und finanzieller Unterstützung weiterbringen. Der Mitgliederbeitrag beträgt mindestens zwanzig Franken – ein kleiner Beitrag für die Genugtuung, am Anfang einer grossen Idee dabei zu sein.

Weitere Infos:  www.neustart-schweiz.ch
Konto: ABS, Konto-Nr. 310.745.100-07, IBAN: CH09 0839 0031 0745 1000 7


Das Buch, das alles ausgelöst hat:


P.M.: Neustart Schweiz – so geht es weiter. Edition Zeitpunkt, 2. erw. Auflage, 2010. 106 S. Fr. 18.70 /MItglieder: Fr. 15.–
Bestellen: http://www.zeitpunkt.ch/neustart-schweiz/subskription-neustart.html

Über

Christoph Pfluger

Submitted by admin on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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