Kolumne von Anton Brüschweiler.

© Unsplash / Christian Chen

Ich reiste im Zug. Gegenüber des Gangs sass ein Mann ungefähr in meinem Alter, also eigentlich noch recht jugendlich. In regelmässigen Abständen redete er laut vor sich hin. Sätze wie «Ich sollte nächstens die Sommerreifen montieren lassen» und «Dieser blöde Zug hält einfach überall», artikulierte er mit lauter, deutlicher Stimme. Es war voll peinlich. Der Mann schien nicht wahrzunehmen, dass er seine Gedanken laut in den gut gefüllten Zugwagen hinausposaunte. Zuerst musste ich mir das Lachen verkneifen, doch dann tat mir der Mann nur noch leid. 

Doch plötzlich fiel mir etwas Unge­heuerliches ein: Ich konnte doch überhaupt nicht wissen, ob ich nicht auch selbst unbewusst laut vor mich her ­redete. Unbewusst ist eben unbewusst. Punkt. Es packte mich die nackte ­Panik. Während dem ganzen Rest der Zugfahrt hielt ich mir so fest ich konnte den Mund zu! Die Angst vor dem unbewusst laut Reden verfolgte mich Tag und Nacht. Ich musste unbedingt herausfinden, ob ich ein unbewusster «Lautsprecher» war, und es gab nur einen Weg dies zu ergründen: Ein vertrauter Mensch musste mich Tag und Nacht begleiten.

Sofort rief ich meinen Freund Manuel an und engagierte ihn für eine Woche zu einem Stundenlohn von 30 Franken. Der arme Manuel war um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Eine Woche lang durfte er kein Auge zudrücken. Das Resultat der Begutachtung war sowohl beruhigend wie auch beunruhigend. 

Beruhigend war für mich die Tatsache, dass ich tagsüber scheinbar nie unbewusst laut redete. Allerdings grübelte ich laut Manuel oft mitten unter Menschen in der Nase und ass anschliessend genüsslich den Nasenschleim. 

Beunruhigend war das Resultat deshalb, weil ich fast die ganze Nacht im Schlaf laut redete. Erstaunlicherweise waren es immer die vier folgenden Sätze, die ich alle fünf Minuten wiederholte:

«Ich fühle mich, als wäre ich sechs ­Monate lang höhlengereift.»

«Der Milchpreis ist viel zu hoch.»

«Ich will nie mehr Steuern zahlen.»

«Ich bin der Hammer.»

Also da können Sie mir jetzt sagen was Sie wollen, aber diese Sätze haben alle was zu bedeuten! Da spricht nämlich mein Unterbewusstsein mit mir, das können Sie mir glauben. Ich werde mir einen Psychoanalytiker suchen, um das alles zu analysieren. 

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, rate ich auch mal, den Manuel zu buchen. Sie erreichen ihn unter [email protected]. Bevor sie definitiv wissen, ob Sie nicht auch unbewusst laut reden, empfehle ich Ihnen, den Mund mit ­einem Malerband zu verkleben.

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Kommentare

Unbewusstes Reden ist immer wahr

von juerg.wyss
Lieber Anton, ich weiss nicht was peinlicher ist. Ob ein Mensch mit sich selber spricht, oder ob man das peinlich findet. Es kann auch sein, dass mein Kommmentar das Peinlichste ist, was auf diese Frage folgen kann. Peinlich ist nur Deine Ansicht der Dinge, über andere zu urteilen und nachher diese Denkstruktur auf Dich zu übertragen. Voll peinlich, dass Du einen Psychoanalytiker aufsuchen willst, dies ist nur ironisch gesprochen respektive geschrieben.  Es ist immer einfacher, die eigenen Fehler bei anderen zu sehen, da Du den Fehler ja unbwusst auch machst. Es gibt Menschen bei denen das Unterbewusstsein ein Teil des Bewussten ist, ich zähle mich zu denen. Ich masse mir nicht an zu sagen, das sei gut oder schlecht, und das solltest Du auch tun, behalte Deinen Status von Bewusst und Unbewusst, lass Dein Unterbewusstsein im Unbewussten, denn die Struktur des Unterbewussten im Bewussten ist nicht für jedermann geeignet.