Absurdes Mobilfunkkonzept: Innenräume durch Aussenantennen versorgen

80 Prozent des Mobilfunkverkehrs findet in Häusern statt, die bereits über das Kabel mit dem Internet verbunden sind. Die Konsumentenorganisation Frequencia fordert deshalb eine getrennte Mobilfunkversorgung.

Wenn nur die Mobilgeräte im Aussenbereich von Antennen versorgt werden müssen, sinkt die Strahlenbelastung erheblich. (Grafik: Frequencia)

Niemand käme es in den Sinn, zuhause ein Buch mit der Strassenbeleuchtung zu lesen. Ähnlich sinnlos ist es, das Handy zuhause über Aussenantennen zu verbinden, die entsprechend stärker strahlen müssen.
Mit diesem Beispiel wirbt Frequencia, die vor kurzem gegründete Konsumentenorganisation «für einen bewussten Umgang mit digitalen Techniken», für die flächendeckende Glasfaser-Verkabelung. Die inhouse-Verbindung zum Mobiltelefon kann dann jeder Nutzer nach eigener Wahl einrichten, über ein Kabel oder WLAN.

In einem am Montag veröffentlichten «Manifest für eine zukunftsgerichtete Mobilfunkversorgung» fordert Frequencia «die Aufhebung der bestehenden absurden Struktur, bei der Innenräume durch Aussenantennen versorgt werden». Die Trennung der Versorgung würde strahlungsarme Lebensräume schaffen und eine massive Grenzwertsenkung ermöglichen. «Wird die Versorgung des Innenraums von derjenigen des Aussenraums entkoppelt», schreibt Frequencia, «kann die Strahlenbelastung der Mobilfunknutzer und der Anwohner massiv reduziert werden.»

80 Prozent der mobilen Kommunikation findet in Innenräumen statt. «Bräuchte die Strahlung der Mobilfunkantennen nicht mehr die Mauern zu durchdringen, wäre die Versorgung mit Internet und Telefon gesundheits- und umweltverträglicher», heisst es in der Medienmitteilung von Frequencia. «Die Aussenantennen müssten nur noch die Nutzer im Freien versorgen, und im Innern würde der Festnetzanschluss benutzt.»

Mit der Einführung von 5G ist der Zeitpunkt für eine grundlegende Weichenstellung beim Netzausbau gekommen.

Bisher hätten die Behörden und Mobilfunkbetreiber die Augen vor Entwicklungen und Massnahmen für eine strahlungsarme und energiesparende Mobilfunkversorgung verschlossen. Mit der Einführung von 5G sei nun – gerade aufgrund seiner technischen Besonderheiten – der Zeitpunkt für eine grundlegende Weichenstellung beim Netzausbau gekommen.

Die Forderung von Frequencia schliesst sich an das Postulat «Nachhaltiges Mobilfunknetz» von Ständerätin Brigitte Häberli-Koller (CVP/TG) an, das den Bundesrat – gegen seinen Willen – beauftragt, die Vor- und Nachteile eines einzigen, einheitlichen Mobilfunknetzes und die Förderung des Glasfasernetzes zu klären.

Die Trennung der indoor- von der outdoor-Versorgung ist nicht neu. In die Diskussion gebracht wurde die Idee erstmals im sog. miniWatt-Bericht von Prof. Werner Wiesbeck vom Institut für Höchstfrequenztechnik und Elektronik der Universität Karlsruhe für das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung. Weil die Mobilfunkindustrie ganz andere Ziele hatte, wurde die Idee nicht weiter verfolgt.

Die gesonderte Versorgung bleibt aber stichhaltig und bekommt angesichts des Widerstands gegen 5G eine neue Chance. Die Mobilfunkinitiative, für die seit Oktober Unterschriften gesammelt werden, fordert diese Trennung. Und sie ist auch ein Thema der Volksinitiative, die Frequencia im Frühjahr lancieren will. Neben der Reglementierung der Sendeanlagen will die Initiative auch den Schutz des eigenen Wohnraums (z.B. durch WLAN) thematisieren, zweifellos ein heisses Eisen. Ziel der Initiative ist es, die Zwangsbestrahlung zu eliminieren.

Die Tatsache, dass mehrere Initiativen zur Reglementierung des Mobilfunks laufen bzw. vorbereitet werden, spricht allerdings nicht für eine reibungslose Zusammenarbeit unter den elektrosmogkritischen Organisationen. «Es liegt nicht an uns, gemeinsame Sache zu machen», erklärte dazu ein Vertreter von Frequencia. Ob man damit die mächtige Mobilfunkindustrie, die dank ihres grossen Anzeigenvolumens auch die Massenmedien auf ihrer Seite hat, zu Kompromissen zwingen kann, ist allerdings eine andere Frage.

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Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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