Corona-Virus: Angst ist kontraproduktiv

Hamsterkäufe, Kurzarbeit und Verbote von Alkohol und Händeschütteln – die Reaktionen auf das Corona-Virus gehen weit über das Verbot von Grossveranstaltungen hinaus. Die wachsende Angst dürfte die Ausbreitung der Seuche noch beschleunigen. Der Bundesrat hat vielleicht richtig entschieden, aber falsch kommuniziert.

Das war das Zeitpunkt-Cover der Schwerpunktnummer zur Schweinegrippe 2009. Damals gab es wenigstens noch genügend Atemmasken. (Foto: ©Zeitpunkt)

«Es kann kein Mensch, keine Gruppe und keine Nation
in grosser Angst menschlich handeln oder vernünftig denken.»
(Betrand Russell)

Das Corona-Virus ist noch weitgehend unbekannt in seiner Ausbreitung, Wirkung und Therapie.  Nach bisheriger Einschätzung dürfte es etwa zweieinhalb mal so gefährlich sein, wie die saisonale Grippe, aber wesentlich harmloser als SARS.

Wichtiger als seine direkte Wirkung auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung, ist die kollektive Reaktion auf das Virus. China hat mit der Abschottung von Millionenstädten einen Standard in der Bekämpfung gesetzt, der von anderen Regierungen nicht unterschritten werden darf, wenn sie als kompetent und entscheidungsfreudig gelten wollen.

Die Nebenwirkungen der Eingriffe in die individuelle Bewegungsfreiheit sind allerdings erheblich. Die Aktienkurse rutschen auf breiter Front, die Wachstumsaussichten trüben sich ein. In den USA löste die Bekanntgabe einer einzigen Corona-Ansteckung in Nordkalifornien einen Kurssturz ein – eine irrationale Reaktion. Zugegeben: Die Aktien werden seit zehn Jahren in einer gigantischen Blase in die Höhe getrieben. Da braucht es nicht viel, um sie zum Platzen zu bringen.

Zwei wichtige Faktoren sind den Behörden aus dem Visier geraten: Die um sich greifende Angst wirkt sich nicht nur negativ auf die wirtschaftliche Tätigkeit aus, sondern fördert auch die Ansteckung. Schon 1878 hatte Louis Pasteur beobachtet, dass gestresste Hühner anfälliger für Infektionen sind.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Psychoneuroimmunologie zu einem eigenen Fachgebiet entwickelt. Obwohl noch in Entwicklung, sind ihre Erkenntnisse eindeutig: Stress, Depression und Angst schwächen das Immunsystem. Gestärkt wird es durch Optimismus, Selbstwert, Selbstwirksamkeit, soziale Bindungen und sogar emotionale Vielfalt.

Der zweite blinde Fleck der Behörden ist die Tatsache, dass nicht das Virus an sich der entscheidende Faktor bei der Ausbreitung einer Seuche ist, sondern die Immunabwehr. Dies zeigt sich an der Tatsache, dass vor allem ältere Menschen vom Corona-Virus betroffen sind. Es kann also nicht nur darum gehen, die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen, sondern vielmehr noch die Immunkräfte zu stärken.

Die vom Bundesrat ausgerufene «besondere Lage» hat zum Teil zu irrationalen Reaktionen geführt: Hamsterkäufe in der ganzen Schweiz bis hin zu leer geräumten Regalen, Ausschank-Verbote für Alkohol im Kanton Baselland und die Anweisung in einer psychosozialen Institution in Bern, Klienten nicht mehr mit Händeschütteln zu begrüssen. Eine Welle der Angst ist das Letzte, was sich die Behörden mit ihren Vorsichtsmassnahmen wünschen können.

Was hätte der Bundesrat anders machen müssen? Zum einen hätte er das Verbot von Grossveranstaltungen auf Innenräume beschränken und damit zeigen können, dass er differenziert zur Sache geht. Bei den gegenwärtigen Aussentemperaturen hat das Virus geringe Überlebensmöglichkeit, zudem sind die Abstände zwischen den Menschen grösser und die Dauer der Kontakte kürzer als in Innenräumen

Vor allem aber hätte der Bundesrat die Bevölkerung selber informieren müssen und die Sache nicht den Medien überlassen dürfen, deren primäres Geschäft ja nicht mehr die Information, sondern die Skandalisierung ist. Gesundheitsminister Berset hätte sich ein bisschen Sendezeit bei den Staatssendern beschaffen und in seiner ruhigen und besonnenen Art direkt zu den Menschen im Land sprechen sollen. Seine kurze Rede hätte etwa so lauten können:

 

Liebe Menschen in der Schweiz

Ich wende mich ausnahmsweise direkt an Sie, weil wir einerseits besondere Massnahmen ergreifen müssen und andrerseits eine Ausbreitung der Angst verhindern wollen. Wir kennen die Gefährlichkeit des Corona-Virus noch nicht. Nach jetzigen Erkenntnissen ist es etwas gefährlicher als die saisonale Grippe.

Die Vorsicht gebietet es aber dem Bundesrat, die Ausbreitung des Virus so weit als möglich einzuschränken. Deshalb sind ab sofort und vorläufig bis zum 15. März Veranstaltungen in Innenräumen mit mehr als 1000 Personen verboten. Draussen gilt das Veranstaltungsverbot ab 5000 Personen.

Wir sind uns bewusst, dass dies nicht nur Anlässe betrifft, die der Unterhaltung dienen. Auch politische Anlässe und Aktionärsversammlungen sind betroffen. Der Bundesrat ist sich der Auswirkungen seiner Massnahmen auf die Grundrechte bewusst und wird mit grösster Vorsicht damit umgehen.

Die Ausbreitung einer Seuche hat nicht nur mit der Gefährlichkeit eines Krankheitserregers zu tun, sondern ebenso mit der Immunabwehr. Der Bundesrat fordert die Bevölkerung deshalb auf, sich im Freien zu bewegen, sich gesund zu ernähren und auf Produkte mit Zusatzstoffen weitgehend zu verzichten.

In der Vergangenheit haben neue Funktechnologien immer wieder zu Seuchen und gar Pandemien geführt. Der Bundesrat hat deshalb den Ausbau des Mobilfunknetzes auf 5G gestoppt und umfassende gesundheitliche Abklärungen angeordnet. In der Zwischenzeit empfiehlt der Bundesrat, Mobiltelefone im öffentlichen Bereich nicht mehr für Surfen und Videos zu verwenden. Dies gilt insbesondere in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo wieder vermehrt der Dialog mit Mitreisenden gepflegt werden kann.

Die Schweiz ist ein schönes Land. Ihre Bevölkerung verfügt über psychische Voraussetzungen, die der Immunabwehr dienen: Optimismus, Selbstwert, soziale Bindungen. Wenn es gelingt, diese Faktoren durch unsere Massnahmen zu stärken, dann kann das Corona-Virus bei allen Nachteilen auch eine positive Wirkung haben.

Sie brauchen keine Angst zu haben. Wenn eine Strasse wegen möglichen Steinschlags gesperrt wird, bedeutet das auch nicht, dass Sie ausserhalb der Gefahrenzone Angst haben müssen. Waschen Sie Ihre Hände, verzichten Sie auf ein paar Grossanlässe und leben Sie weiter bis bisher. Oder sogar noch ein bisschen besser und gesünder.

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

032 621 81 11
christoph.pfluger@zeitpunkt.ch