Die Lebensräume unserer Haustiere im Organismus der Kultur-Landwirtschaft

Mit der Kultivierung der Erde trägt der Mensch Verantwortung für zwei unterschiedlich beseelte «Tier-Lebensräume». Kultur-Landwirtschaft nenne ich den einen, die Natur den anderen. Aus der Serie: «Der Mensch und seine Haustiere, die Geschichte einer Jahrtausend alten Beziehung». Teil 2.

© Foto: Andreas Beers

Unsere Lebensräume sind Kulturlandschaften, die der Mensch über Jahrtausende geschaffen hat. Sie entstanden aus dem harmonischen Zusammenwirken von Landbewirtschaftung und Natur, geprägt durch unterschiedliche Landschaftsformen und Vegetationszonen. In Mitteleuropa finden wir, mit Ausnahme der hochalpinen Regionen, fast keinen einzigen Quadratmeter Landschaft mehr, der nicht durch dieses organische Zusammenwirken entstanden ist.

Die Kultivierung fruchtbarer Acker- und Gartenböden bildetet die Grundlage für die Entstehung unserer Kultur- respektive Nahrungspflanzen. Die Domestizierung unsere Haustiere spielte dabei in Punkto Bodenfruchtbarkeit, durch ihren tierisch-organischen Dung, eine herausragende Rolle. Die ältesten Formen dieser Landbewirtschaftung stammen aus dem Gebiet des «Fruchtbaren Halbmond». Diese Region benannt nach dem US-amerikanischer Historiker James H. Breasted ist die Bezeichnung für das Winterregengebiet am nördlichen Rand der Syrischen Wüste, die sich im Norden an die Arabische Halbinsel anschliesst.

In diesen organisch gebildeten sozialen Strukturen entwickelten sich unsere Haustiere – dies ist Vergangenheit. Durch den hundertjährigen Siegeszug der industriellen Landwirtschaft, ausgehend von Mitteleuropa, wurden die Haustiere zu einem heute massiven Störfaktor für die Umwelt rund um den Globus. Solange die Menschheit angewiesen ist, sich auf Grundlage fruchtbarer Acker- und Gartenböden gesunde Nahrungsmittel zu erzeugen, müssen wir ethisch vertretbare Formen der Haustierhaltung berücksichtigen. In der Überganszeit zu anderen Lebensformen, in denen sich diese Lebensverhältnisse auflösen werden, müssen wir die Vielfalt und Vitalität unsere Naturräume so gut es geht schützen.

Kultur-Landwirtschaft, ein Lösungsmodell und Weg: In Kürze möchte ich ihre wichtigsten «Bausteine» beschreiben. Sie müssen stets fein abgestimmt werden mit den jeweils vorherrschenden regionalen, geographischen und den sich langsam verändernden demographischen Verhältnissen. Der Mensch trägt in diesem Gestaltungsprozess für zwei innig verwobene, jedoch völlig unterschiedliche Lebensräume Verantwortung: Den ersten nenne ich Kultur-Landwirtschaft, in dem wir denkend und handelnd tätig sind. Die zweite bezeichne ich schlicht mit Natur, in der weisheitsvolle Gesetze Leben erhaltend wirken. In beiden leben beseelte Wesen – Haustiere und Wildtiere.

Kultur-Landwirtschaft als lebendiger «Mikro-Organismus». In ihm müssen unsere Haustiere organisch eingebunden sein. Konkret bedeutet dies, dass die quantitativen und qualitativen Verhältnisse von Tieren, sprich Anzahl und Art der Haustiere und die bewirtschafteten Landflächen, geschlossene Stoffkreisläufe aufweisen müssen. Dadurch entsteht ein sich selbst erhaltender, vitaler Organismus. Nach diesem richten sich alle relevanten ökologischen und ökonomischen Zielsetzungen. Er ist die Quelle für gesunde Nahrungsmittel und eine Vielzahl pflanzlicher Rohstoffe, die wir zum Leben brauchen.

Die harmonische Durchdringung von Kultur-Landwirtschaft und Natur bildet einen übergeordneten «Makro-Organismus». Er ist Garant für eine dauerhafte und vielfältig-vitale Fauna und Flora. Durch ihn entsteht ein sensibles Mikroklima, das in enger Wechselwirkung steht mit dem übergeordneten Makroklima. Das Makroklima verändert sich in grossen Rhythmen und über lange Zeiträume hinweg, er kann als Klimawandel bezeichnet werden. Durch ihn werden die Vegetationszonen auf unserer Erde bestimmt.

Die biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise berücksichtigt in ihren Kerngedanken die «Harmonie» von Kultur-Landwirtschaft und Natur. Und nur diese «Harmonie» ist es, die unsere Lebensgrundlage dauerhaft vital erhalten wird.

 

 

Bereits erschienen:
Der Mensch und seine Haustiere, die Geschichte einer Jahrtausend alten Beziehung
Teil 1: Unsere Haustiere, ein beseeltes Kulturerbe – neue Wege für eine gemeinsame Zukunft.

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen.

«Jeder Same ist erwacht, und so auch das Leben der Tiere. Durch diese Lebenskraft erlangen auch wir unser Sein, und deshalb gewähren wir unseren Nachbarn, sogar unseren tierischen Nachbarn, dasselbe Recht, dieses Land zu bewohnen, wie auch uns selbst». (Tatanka Yotanka, Sitting Bull, 1831-1890, Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux)