Ein Malheur auf der Waage

Schönheitsideale verändern sich mit der Zeit. Doch ganz abgesehen von der Frage, ob die fülligen Frauen auf barocken Gemälden attraktiver sind als die Wespentaillen im 19. Jahrhundert: Warum hängt die Wertschätzung von Menschen so sehr von Äusserlichkeiten ab? Ich würde gern mal jemanden sagen hören: «Schade, dass du dich nicht mehr für Menschenrechte einsetzt, sonst könntest du glatt ein Modell sein.» Kolumne.

© Diana Polekhina / Unsplash

Ich habe in den letzten zwei Jahren mehr als zehn Kilo zugenommen. «Weil ich seit den Lockdowns fast immer im Homeoffice arbeite», sage ich meistens, wenn das Thema zur Sprache kommt. Doch warum muss ich mich überhaupt rechtfertigen? Als ob ich etwas Verwerfliches getan hätte, als ob a priori feststehen würde, dass Molligsein so wenig wünschenswert ist wie eine Krankheit. Ein Makel, der behoben werden muss.

Diverse Bekannte und Verwandte haben meine Gewichtszunahme kommentiert – bis auf wenige Ausnahmen alle negativ. Dies hat natürlich nicht zu meinem Wohlbefinden beigetragen, und dennoch war es eine interessante Erfahrung. Denn bisher habe ich nicht gross darüber nachgedacht, inwiefern meine Körpermasse Einfluss auf die Wertschätzung haben, die mir entgegengebracht wird. Bisher wurde ich für meine Arbeit beglückwünscht oder kritisiert. Für Entscheidungen, die ich getroffen, für Meinungen, die ich zum Ausdruck gebracht habe. Daran habe ich mich nie gestossen, im Gegenteil. Doch dass mein Gewicht offenbar so wichtig ist, dass es mit Nachdruck thematisiert werden muss, hätte ich nicht erwartet. So wurde ich gefragt, wann ich zugenommen habe und warum, und vor allem: Wie? Was ich denn falsch gemacht habe, dass es zu diesem Malheur gekommen sei, da ich mich doch eigentlich eher gesund ernähre? Kurzum: Ich habe mich gefühlt, als ob ich einen Fehler gemacht hätte und nun zur Rede gestellt würde.

Da erinnerte ich mich, wie über mollige Mädchen in meiner Klasse und in meinem Quartier gesprochen wurde, als ich ein Teenager war: «Sie hat eigentlich ein hübsches Gesicht, aber sie ist eben dick.» Und alle schienen sich einig zu sein, dass dies bedeutete: unattraktiv. Und dass sie nie einen Freund finden würde, wenn sie nicht abnehme. Zumindest nicht in der Schweiz, denke ich im Nachhinein. In Bolivien hat mir einmal eine Verkäuferin – zwischen Neid und Anerkennung schwankend – gesagt, dass mir alle Hosen gut stehen würden, weil ich einen schön grossen Hintern hätte. In meiner kurdischen Gastfamilie wurde die Schönheit einer möglichen Heiratskandidatin für die Söhne und Neffen grundsätzlich daran gemessen, ob sie genug Fleisch am Knochen hatte. Und dies galt anders als in der Schweiz nicht nur für Brüste, sondern auch für Beine oder Oberarme.

Doch nicht nur Frauen werden auf diese Weise taxiert und bewertet. Ich habe mehr als eine meiner Freundinnen sagen hören: «Er gefällt mir eigentlich, aber er ist mir einfach zu klein. Ich könnte nicht mit einem Mann zusammen sein, der nur 1.70 gross ist.» oder «Er ist mega sympathisch, obwohl er einen Bauchansatz hat und eine Brille trägt.» Ich frage mich, warum wir andere Menschen nicht einfach schön finden können, so wie sie sind – selbst wenn sie sich manchmal verändern. Doch genauso wie das Zunehmen gilt auch das Altern als Prozess, der insbesondere Frauen angeblich hässlicher werden lässt. In der schönen neuen Welt gehen wir mit solchen natürlichen Gegebenheiten nicht souverän und selbstbewusst um. Nein. Wir bieten hochtechnologisierte Lösungen wie Fettabsaugen, Magenbänder, Lifting und Botoxspritzen an und entfernen uns weiter denn je von einer gesunden Beziehung zu uns selbst.

Und das Problem beschränkt sich mitnichten auf Gewicht und Alter. Im Laufe der letzten zwanzig Jahre habe ich mir immer wieder Dinge anhören müssen wie  «Du bist voll schön, aber mit längeren Haaren würdest du mir noch besser gefallen.» oder «Wenn du grössere Brüste hättest, wärst du schon noch attraktiver.» Ernsthaft, Leute, warum sagt niemand mal, «Du bist eigentlich ganz sexy, aber deine rassistische Haltung macht dich leider schon ziemlich hässlich.» oder «Cooles Sixpack, aber du bist so wenig hilfsbereit, dass ich mir nicht einmal einen One-Night-Stand mit dir vorstellen könnte.» 

Über

Nicole Maron

Submitted by christoph on Mo, 04/19/2021 - 17:25

Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte. 

Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3