Achte auf deine Gedanken, sie werden zu Worten

Freiheit ist nur möglich im Denken. Freiheit besteht nicht darin, zu tun und zu lassen, was man will. Sondern darin, sich seiner Handlungsmotive bewusst zu sein. Kolumne.

© Mia Leu

Wir wachsen seit 2001 weltweit in eine neue Ära des gesellschaftlichen Unbewusstseins. Massgeblicher Faktor dieses Umstandes ist die weltweite Digitalisierung unseres Lebens und die damit verbundene neue Form des Überwachungskapitalismus. Den beschreibt die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff in ihrem 2012 erschienen Buch «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus» sehr eindrücklich. Diese neue Form des Kapitalismus gründet sich nicht mehr auf den althergebrachten Säulen von Realwirtschaft, Arbeitskraft und Dienstleistungen. Sondern er bedient sich der Einflussnahme und Lenkung des individuellen menschlichen Verhaltens, indem er den Menschen vollständig digital kontrolliert.

Das Kapital ist also der menschliche unfreie Wille. Finanzmärkte, wirtschaftliche und politische Systeme ändern sich dadurch radikal. Eine nie dagewesene Veränderung des privaten und gesellschaftlichen Lebens ist die Konsequenz daraus. Dies steht in fundamentalem Gegensatz zur individuellen freien Bewusstseinsentwicklung der Menschen. Diese individuelle geistige Freiheit ist aber unser wertvollstes Gut. Sie ist die entscheidende Grundlage für einen Wandel hin zu Gesellschaftsformen, die das Leben auf der Erde in Freiheit, das heisst in Frieden, Wohlsein und Liebe ermöglichen.

Bewusst leben bedeutet das eigene Denken, Fühlen und Handeln mit seinen Folgen zu überblicken. Gerade wenn es um unser Konsumverhalten geht, sollten wir Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Alltag ganz konkret leben. Der überwiegende Teil unserer Konsumgüter ist nicht lebensnotwendig, ist purer Luxus. Damit verbrauchen wir täglich Unmengen an Rohstoffen, Energie, und produzieren gigantische Mengen an Abfall, Umweltverschmutzung, und zerstören damit unsere Erde. In diesem unbewussten Verhalten fehlen jegliche Ansätze von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Wurzeln weltweiter ökologisch-ökonomischer und sozialer Problemfelder sind dort verankert.

Nun, welches sind die Kernmotive unserer Grundlebensbedürfnisse? Es sind genau diese: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Freiheit im Denken zeigt sich im Geistesleben, am deutlichsten in den Lebensfeldern des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie der Glaubens- und Meinungsfreiheit. Die Gleichheit sollte im Rechts- oder Sozialleben empfunden werden. Die Brüderlichkeit muss im Wirtschaftsleben und in der Güterverteilung erlebbar werden. Nur wenn wir diese Begriffe erfüllen mit Leben, sie in konkreten Zusammenhang bringen mit unserem Leben als Ganzes – was bedeutet, mit unserer physischen, seelischen und geistigen Existenz – können wir erfassen, was wir zum Leben brauchen.

Ganz bewusst verweise ich also auf die drei bekannten Begriffe der Französischen Revolution (1789-1795): liberté, ègalité, fraternité. Impulse in der Weltgeschichte benötigen den adäquaten Bewusstseinszustand der Menschen, damit sich diese in gesellschaftlich friedvolle Lebensverhältnisse umbilden können. Ist diese Geisteshaltung individuell und gesellschaftlich nicht vorhanden, führen diese Impulse zwangsläufig zur Spaltung der Gesellschaft, zu Umsturz, Revolution und Krieg. Denn: Jeder äussere Krieg beginnt mit unseren Gedanken.
 

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät, pflanzt und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen.

«Achte auf deine Gedanken, sie werden zu Worte. Bedenke deine Worte, sie werden zu Taten. Fühle deine Taten, sie werden zu Gewohnheiten. Erkenne deine Gewohnheiten, sie bilden deinen Charakter. Sei dir deines Charakters bewusst, er wird zu deinem Schicksal.» (Beers)