Während Klimaaktivisten Flughäfen lahmlegen wollen – zuletzt am vergangenen Wochenende in Braunschweig –, gibt es mitten im Südatlantik einen Flugplatz, der noch immer gefeiert wird, obwohl er über 300 Millionen Dollar gekostet hat: Vor sieben Jahren landete auf der kleinen Insel St. Helena trotz heftiger Gegenwinde das erste Linienflugzeug. Eine kleine Geschichte mit grosser Symbolkraft. Die Kolumne aus dem Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt.

Eine Piste in der Einsamkeit des Atlantiks. / © aerotelegraph

Es gibt eine Insel, die 3290 Kilometer von Südamerika und 1868 Kilometer von Afrika entfernt mutterseelenallein im Atlantik liegt. Sie heisst St.Helena und fällt mit Ausnahme einer kleinen Bucht rundherum so steil ins Meer ab, dass Schiffe die Insel nur bei ruhigem Seegang ansteuern können. Selbst wenn es das Wetter erlaubt, müssen grössere Schiffe ausserhalb der Bucht ankern, und die Passagiere werden mit Booten an Land gebracht.

Die Unzugänglichkeit des Eilands verhalf ihr vor langer Zeit zu einem berühmten Gast, als Napoleon dahin verbannt wurde. Noch heute wird sein Grab auf der Insel von Frankreich verwaltet, sonst aber gehört St.Helena der britischen Krone. Die 4200 Einwohner, in deren Gesichtszügen sich die ganze Inselgeschichte spiegelt, reden englisch, träumen englisch und zahlen englisch mit Subventionen, die sie von Grossbritannien erhalten.

Trotzdem zog es die Jungen fort von der Insel. Sie sahen im Satellitenfernsehen die Welt pulsieren und spürten wie alle jungen Menschen das Brennen in sich, dem Puls zu folgen. In ihrer kleinen atlantischen Heimat ist es paradiesisch schön. Doch ist ein Paradies noch ein Paradies, wenn man es nicht verlassen kann? Nur einmal im Monat erreichte das Postschiff, von Südafrika kommend, die Insel, und wenn das Schiff nach Kapstadt zurückfuhr, stiegen nur wenige Insulaner an Bord. Die fünf Tage dauernde Reise konnte sich ein Bewohner St. Helenas im Grunde nur einmal leisten: Wenn er die Heimat für immer verliess.

Da versprach das Mutterland seinem einsamen Kind im atlantischen Meer einen Flugplatz. Die Menschen von St. Helena schöpften Hoffnung. Der ersehnte Zugang zur Welt rückte plötzlich in greifbare Nähe. Doch das Projekt war gigantisch. Für die geplante Rollbahn mussten zwei Hügel abgetragen und ein Tal aufgefüllt werden. Kritische Stimmen fanden den Aufwand zu gross und zu teuer. Konnte ein solches Projekt für nur 4200 Menschen verantwortet werden?

Die Frage wäre berechtigt gewesen, wenn es nur um 4200 Inselbewohner gegangen wäre. Doch um sie allein ging es nicht. Es ging um die Menschheit. St. Helena ist bloss ein Eiland, doch ein Flugplatz repräsentiert die Welt. Er ist auch ein Ort zum Ankommen.

Viele Hürden mussten genommen werden, und etliche Male drohte ein Scheitern des Mammutprojekts. Doch die beteiligten Spezialisten, Windexperten und Financiers gaben den einmal gefassten Vorsatz nicht auf – als dürften die Insulaner niemals zurück in die Einsamkeit des Atlantiks gestossen werden. Eines Tages war es dann soweit: St. Helena erhielt seinen Flugplatz – und die Welt ihren Zugang zu einer der abgelegensten Inseln des Ozeans.

Als das erste grosse Flugzeug mit Gästen an Bord auf St. Helena landete, war dies ein historischer Augenblick. Noch vor der Landung versammelten sich die Inselbewohner am Pistenrand, um den Moment nicht zu verpassen und die Ankommenden willkommen zu heissen. Voller Erwartung und Neugier schauten sie den Besuchern zu, die dem Flieger entstiegen. Es war die Welt, die zu Besuch kam. Endlich hatte die Welt sie entdeckt.

Den Fremden erging es nicht anders. Während sie die Stufen hinunterstiegen, fühlten sie sich, als wären sie Astronauten, die auf einem fremden Planeten gelandet waren. Sie kamen sich vor wie Botschafter in einem höheren Auftrag. Dann trafen sie auf die Inselbewohner am Rande des Rollfelds – und erkannten: Es sind Menschen wie wir.

Auch die Einheimischen fühlten in dieser besonderen Stunde, was sich für sie gerade veränderte. Sankt Helena war nicht länger nur ihre Insel. Ihr Boden war nun der Boden der Welt. Und sie selber waren nicht mehr nur Insulaner, sondern Teil eines Ganzen. Sie waren jetzt Weltbewohner. Weltbürger. Sie gehören zu uns und wir laden sie ein, die Welt, die auch ihnen gehört, kennenzulernen.

 

Link:
Die Landung des ersten Linienflugzeugs auf St. Helena in drei Anläufen