Jede Mikrosekunde zählt

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Nach diesem Grundsatz, der vermutlich so alt ist wie die sesshafte Menschheit, funktioniert auch der Börsenhandel. Es gewinnt, wer vor andern einen Unterschied zwischen Preis und Wert erkennt. Das besorgen heute Supercomputer. Mit der Realwirtschaft hat der Hochfrequenzhandel allerdings nichts mehr zu tun. von Christoph Pfluger

Um einen Vorsprung zu realisieren, verwendet der traditionelle Börsenhändler ein typisches Set von Kennzahlen wie etwa Gewinn pro Aktie, mischt es mit ein bisschen Hintergrundwissen und Intuition und generiert daraus ein mehr oder weniger tragfähiges Zukunftswissen. Je nach Volumen seiner Transaktionen verändert sich dadurch auch der Preis. Andere Händler steigen auf oder springen ab, das Zukunftswissen nähert sich seinem Grenznutzen und muss mit einem anderen Wertpapier neu aufgebaut werden.

Als in den späten 1980er Jahren die Börsen dereguliert wurden und viel Luftgeld aufsogen, verloren auch die traditionellen Kennzahlen ihre Aussagekraft. Ob die Aktie einer Firma wie Amazon gekauft werden sollte, konnte nicht mehr an harten Zahlen wie Umsatz oder Ertrag festgestellt werden. Im Gegenteil: Oftmals waren es gerade kleine Firmen mit dauernden Verlusten, welche die grössten Kursgewinne erzielten. In der Folge kam das Lesen von Grafiken über die Entwicklung von Indizes in Mode und wurde zu einer regelrechten Kunst entwickelt.
Hinter diesen Charts stehen allerdings oft wenig Fakten und viel Psychologie. Denn was in Zukunft im Wert steigen wird, hängt ganz wesentlich von der Einschätzung der Marktteilnehmer ab. Wer also als Erster weiss, wie die Märkte ticken, kann am meisten profitieren. Und manchmal lohnt es sich sogar, gemeinsam mit der Mehrheit Fehler zu machen, solange man rechtzeitig aussteigt.

Man kann den Wertpapierhandel auch mit einem grossen Vogelschwarm vergleichen. Die Regeln, nach denen er seine Richtung ändert, sind nicht zu erkennen. Im Gegensatz zu einer Herde, die dem Leittier hinterhertrottet, fliegt ein Schwarm nicht einfach dem vordersten Vogel nach. Und damit kommt endlich der Computer ins Spiel, um den es in diesem Text geht. Denn nur der Computer kann die unglaubliche Menge an Bewegungen auswerten, die einigermassen zuverlässige Prognosen über die Preisentwicklungen von Wertpapieren ermöglichen. Aber der alte Grundsatz, nach dem zuerst mahlt, wer zuerst kommt, gilt nach wie vor. Deshalb durchkämmen die grossen Rechner die Aktienmärkte dauernd nach aussergewöhnlichen Bewegungen, berechnen die profitabelsten Käufe und Verkäufe und erteilen die entsprechenden Aufträge gleich selber, bis zu 250-mal pro Sekunde.

Heute arbeiten die besten Mathematiker und Informatiker in den Finanzzentren und perfektionieren die hochkomplexen Handelssysteme. Und ihre Supercomputer sind leistungsfähiger als die der NASA. Um den Datenfluss zu beschleunigen, wird kein Aufwand gescheut. Zwischen Chicago und New York wurde deswegen sogar ein Bergkegel weggesprengt. Es geht in diesem Geschäft um Mikrosekunden, um Hunderttausendstel einer Sekunde. Ein kritischer Faktor ist die Tatsache, dass die meisten Aufträge nicht an einer einzigen Börse erfüllt werden können, sondern sich über entfernte Handelsplätze verteilen. «Sieht» ein Hochfrequenzhändler, d.h. ein Computer, an seiner nächstliegenden Börse einen Teilauftrag eines Konkurrenten, kann er dank einer schnelleren Datenleitung den anderen Teilaufträgen an entfernteren Börsenplätzen zuvorkommen und einen Profit realisieren. Heute werden die Orders noch mit Glasfaserkabel und Infrarotlaser verschickt. Bereits wird darüber nachgedacht, dafür die noch schnelleren Neutrinos zu verwenden.

Die Frage, ob der Hochfrequenzhandel wirt­schaftlich sinnvoll ist, kann man ganz unvoreingenommen beantworten. Der eine Zweck des Wertpapiermärkte besteht aus ökonomischer Sicht darin, die Preise transparent zu bilden und das Kapital dort anzulegen, wo es am meisten Nutzen bringt. Aber das betrifft nur Kapital, das investiert wird – also Gelder, die angelegt werden, damit beispielsweise eine Fabrik mit neuen Maschinen günstiger produzieren kann oder dank verstärktem Marketing besser ausgelastet ist. Eine Investition findet also nur statt, wenn Wertpapiere im Rahmen einer Neuemission gekauft werden. Bei allen anderen Transaktionen ändern sich nur die Besitzer der Wertpapiere; die Firma, die die Papiere herausgegeben hat, hat nichts davon, es sei denn die Boni ihrer Manager sind abhängig vom Börsenkurs.
Der andere Zweck der Börsen besteht darin, die Wertpapiere möglichst liquide zu halten. Wer Geld braucht, soll seine Papiere schnell auf einem Markt mit transparenter Preisbildung verkaufen können. Nur: Keine Zahlungsfrist ist so kurz, dass man seine Wertpapiere innert Sekundenbruchteilen verkaufen muss.
Der überwiegende Teil des Börsenhandels dient also nicht der Finanzierung der Wirtschaft, sondern nur der Gewinnsteigerung der Wertpapierbesitzer. An der Produktivität ändert sich nur dann etwas, wenn die Firmen zur Kurspflege zu Massnahmen gezwungen werden. Was sie dann üblicherweise tun, mag man schon gar nicht mehr hören.

Der Hochfrequenzhandel mit einem Anteil am Börsengeschäft von gut 50 Prozent in den USA und 25 Prozent in Europa (NZZ) ist aber nicht nur nutzlos, sondern auch gefährlich. Die blitzschnellen Automatismen bergen ein grosses Crash-Potenzial. Beim Flash Crash vom Mai 2010 brach die New Yorker Börse innert Minuten um zehn Prozent ein und am 27. September 2010 verlor die Aktie des US-Stromanbieters Progress Energy innert 1,5 Sekunden 90 Prozent ihres Wertes –­
ohne ersichtlichen Grund.
Wie legal der Hochfrequenzhandel überhaupt ist, ist eine andere Frage. Das US-Aktienrecht verbietet den Kauf von Wertpapieren zur reinen Beeinflussung des Kurses. Aber im Hochfrequenzhandel ist es sogar Teil des Geschäftsmodells. Ein beliebter Trick besteht darin, ein Angebot zu hohem Preis an verschiedenen Börsen zu platzieren und beim Eintreffen des ersten Orders sofort zurückzuziehen und so den Kurs nach oben zu manipulieren. Ein anderer Trick besteht darin, die Börsen mit Orders zu überhäufen, um Verzögerungen bei der Preisbildung auszunutzen. Ökonomischer Nutzen für die Volkswirtschaft: im allerbesten Fall null.
Um diesen Risiken entgegenzuwirken, hat Deutschland im Mai 2013 das Hochfrequenzhandelsgesetz mit «Erlaubnispflicht» und Systemkontrollen erlassen. Seit kurzem müssen sich Hochfrequenzhändler auch in den USA registrieren und auf die Finger schauen lassen. Der Nationalrat hat vor Jahresfrist bei der Behandlung des Finanz­infrastrukturgesetzes eine Regulierung des Hochfrequenzhandels abgelehnt. Gemäss Marc Chesney, Finanzmarktprofessor an der Universität Zürich, ist der Hochfrequenzhandel schädlich für die Anleger und die Volkswirtschaft und sollte verboten werden.

Das Geschäft mit den grossen Aktienpaketen hat sich denn auch bereits vor den Hochfrequenzhändlern in Sicherheit gebracht, in sogenannte «Dark Pools». Wer zu einem guten Preis kaufen oder verkaufen will, möchte dies natürlich möglichst diskret tun. Weltweit gibt es deshalb knapp 100 Dark Pools, geschlossene Handelsplattformen, in denen grosse Player anonym und unter Ausschluss der hochfrequenten Profiteure handeln können. Das System sucht für jedes Angebot den passenden Partner, die Geschäfte beeinflussen den Aktienkurs erst mit Verzögerung, wenn sie denn überhaupt an die ordentlichen Börsen gemeldet werden. 40 Prozent des deutschen Börsenhandels laufen mittlerweile über solche Dark Pools, schreibt das Handelsblatt, ohne Kontrolle und transparente Preisbildung. Ob sie die Sicherheit des Finanzsystems erhöhen, ist fraglich. Es könnte auch sein, dass wir auf der Flucht vor dem Hochfrequenzhandel buchstäblich in eine schwarzes Loch fallen.    







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