Lebensschule versus «Rohstoff Kind»

Unsere Pädagogik arbeitet nach den Gesetzmässigkeiten einer Fabrik: Das Kind ist dabei der Rohstoff für eine Zukunft, wie wir sie uns vorstellen. Dies zeigt der deutsche Kinderarzt und Psychiater Helmut Bonney in seinem eben erschienenen Buch auf.

© Mia Leu

Leistungsdenken ist der Schmierstoff unserer heutigen Pädagogikindustrie. Wissen wird eingetrichtert und abgefragt, als wären unsere Kinder Automaten. Das fängt schon in Kita und Kindergarten an und setzt sich lückenlos über alle Bildungsstufen fort bis in unsere Universitäten. Die Art des heutigen Lernens erscheint wie eine Krankheit – eigentlich ist es eine Form von Wissensbulimie: «reinstopfen und auskotzen». Eine professionelle Detailanalyse zu diesem Thema liefert der deutsche Kinderarzt und Psychiater Helmut Bonney in seinem hervorragenden, soeben veröffentlichten Buch «Rohstoff Kind – Zwischen Freiheit & Kontrolle». 

Nicht zurück zum Alten, sondern an die Kernaufgabe der Pädagogik sollten wir gehen: Das Kostbarste, was das Kind mit ins Leben bringt, ist seine geistige und seelische Veranlagung. Diese anzuregen und zu fördern ist die zentrale Aufgabe des Lehrens. Mit dem Begriff Lehren meine ich das Fördern und Raum geben von Talent und Temperament, welche von der Persönlichkeit des Kindes durch sein Denken, Fühlen und Wollen bewusst geführt werden möchten. Dieses bewusste Führen bildet die Grundlage für das Entdecken und Entwickeln der individuellen Handlungsimpulse.

Die heutige Pädagogik hat sich, wie auch andere Wissenschaften, vollständig vom Leben verabschiedet. Was dabei herauskommt, führt zur Spaltung der Persönlichkeit und zu Illusionen über das Leben. Im Grunde besteht der wesentliche Aspekt des menschlichen Lernens in der konkreten Auseinandersetzung mit der Natur. Lange bevor es die Institution Schule gab, lernten die Jüngeren durch aufmerksames Beobachten und durch Nachahmung von den Älteren. Die Kinder lernten von allem, was sie umgab: von der Natur, den Tieren und den Pflanzen. Der ausschliesslich existenzbildende Charakter dieses Lernens mit der Natur erfüllte zugleich eine hohe sozialbildende Integrationsaufgabe.

Unsere heutige Welt sieht selbstverständlich anders aus, doch die Natur ist mit Ihrer Schönheit und Weisheit immer noch für uns da. Indem das Kind sich lernend mit den Naturprozessen auseinandersetzt, erfährt es an sich selbst, im Physischen, Seelischen und Geistigen, Förderung und Lebensfreude – das nenne ich Lebensschule. Dieses elementare Lernen führt zur menschlichen Freiheit, welche nur im Denken möglich ist.

Helmut Bonney: Rohstoff Kind – Zwischen Freiheit & Kontrolle. Carl-Auer Verlag, 2021. ISBN: 978-3849703776

 

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät, pflanzt und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen.

«Nicht gefragt soll werden, was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung, die besteht, sondern: Was ist im Menschen veranlagt und kann in ihm entwickelt werden? Dann wird es möglich sein, der sozialen Ordnung immer neue Kräfte aus der heranwachsenden Generation zuzuführen. Dann wird in dieser Ordnung immer das leben, was die in sie eintretenden Menschen aus ihr machen. Nicht aber wird aus der heranwachsenden Generation das gemacht werden, was die bestehende soziale Organisation aus ihr machen will.» (Rudolf Steiner)