Meine vier weissen Wände...

...und was die Frage soll: Hagenbutten- oder Pfefferminz-Teebeutel gefällig? Kolumne.

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Vier weisse Wände hat sie. Meine gute Stube. Diese vier Wände sind mir ehrlich gesagt ein wenig über. Ich empfinde sie in der letzten Zeit eher als einen beengenden Kerker anstelle einer behaglichen Bleibe zum Wohlfühlen und Entspannen. Nicht nur die Stube, die gesamte Wohnung ist nicht wirklich riesig. Mit dem Gedanken gemietet, ohnehin viel unterwegs zu sein. Aber das ist ja jetzt nur sehr beschränkt möglich, wenn überhaupt.

Die Reisebeschränkungen gelten nach wie vor, und selbst wenn man reisen könnte, würde man sehr verhalten umgehen, mit der Möglichkeit es zu tun. Zu laut sind die mahnenden Stimmen, wie arglos, verantwortungslos man sich verhalten täte und andere gefährde. Nur... alleine im Strassenverkehr tut man es ja täglich. Abgesehen von unzähligen anderen Gefahren, denen wir im Leben jeden Augenblick ausgesetzt sind und denen wir in jeder Minute und Sekunde daran versterben könnten. Aber solche Gedankengänge oder Vergleiche schaffen es meist gar nicht mehr bis ins Gehirn.

Jetzt im Moment hat man das Gefühl, dass es nur noch das Eine, dieses kleine Lebewesen sein kann. Die Windungen sind bereits belegt mit Schlagwörtern wie «Massnahmen», «Wellen», «Wirtschaftskrisen», «Neuinfektionen». Es ist wie eine Sucht, die bei uns befriedigt wird, so der deutsche Kabarettist Matthias Richling.

Dieses Zugepflastertwerden mit einem und demselben Thema ist die reinste Verödung und hat Null aufbauende Substanz. Vielleicht bräuchte es einen ganz ungewöhnlichen, persönlichen Einsatz des Protestes. Ich erinnere mich an den deutschen Moderator Oliver Pscherer, der sich 1999 beim Hamburger Privatsender Mix 95.0 ins Studio einschloss und während vier Stunden Dancing Queen von Abba und No Milk Today von Hermans Hermit in der Dauerschlaufe spielte. Aus Protest gegen die enge Musikrotation, die damals bei den Formatradios eingeführt wurde. Trostlos, immer nur dasselbe Menu serviert zu bekommen oder eben wie jetzt meist nur in den eigenen Stube zu hocken. Es ist nur noch ein Bruchteil vom dem, was das freie Leben vollumfänglich, als Ganzes ist.

Irgendwann mal fühl ich mich innerhalb der vier weissen Wände wie ein ausgedrückter Teebeutel. Dieser auferzwungene Rückzug in die Einsiedelei hat eine gravierende Wirkung. Eine physische und psychische, die ich in der gesamten Tragweite noch gar nicht einschätzen kann. Nebst der unermesslichen in der Wirtschaft mit ihren Folgen.

Wir beugen uns den Massnahmen, die – wie uns versichert wird–, uns schützen sollen. Damit wird der Mensch entmündigt und auf eine Weise isoliert, dass er zusehends schwächer wird. Mitunter seiner sinnvollen Tätigkeit vielleicht schon entledigt, weil arbeitslos. Und seiner ermutigenden Zukunftsperspektive beraubt, weil er nicht planen kann.

Damit der Mensch gesund und integer bleibt, braucht er nicht Rückzug sondern Begegnung. Wenn er seine Beziehungsfähigkeit nicht gänzlich verlieren will, braucht er den persönlichen Austausch, die alltäglichen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, die ihn weiter bringen in seiner persönlichen Entwicklung, die ganz natürliche Konfrontation mit dem Aussen, mit Planungen und Entscheidungen, die er fällen muss. Genau an dem erstarkt der Mensch in seiner Kraft, in seiner elementarsten Selbstkraft. Und sonst verkommt er zum ausgedrückten Teebeutel.

 

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Lis Eymann aus Biel ist freie Journalistin und Radiomoderatorin und hat Soziale Integrität und Meditation an der Akademie für Soziabilität studiert.
Mehr von und über Lis Eymann: https://verbindenaufbauenverwandeln.com/