«In Zukunft wird man kopfschüttelnd zurückblicken»

Letzte Woche hat uns Bio-Landwirt Alfred Schädeli erklärt, welche Alternativen es zum Einsatz von Pestiziden gibt. Im zweiten Teil des Interviews spricht er über die Bedeutung der Pestizid-Initiative und die Notwendigkeit eines Systemwandels in der Landwirtschaft.

Bio-Landwirt Alfred Schädeli / © zVg

Wenn man robuste Pflanzensorten züchtet, ist der Einsatz von synthetischen Pestiziden oder Kunstdünger gar nicht mehr nötig – dies zeigte Schädeli letzten Montag auf. Doch die ökologische Produktion von Lebensmitteln ist aufwändiger und komplizierter als die konventionelle. Deshalb besteht die Gefahr, dass ohne den Einsatz von giftigen Substanzen die Erträge sinken. Wir haben den Bio-Landwirt gefragt, ob und wie dies zu verhindern wäre.

Zeitpunkt: Wenn weniger Düngemittel und Pestizide eingesetzt werden, sinkt der Ertrag. Könnte ein Pestizid-Verbot zur Folge haben, dass die Schweiz nicht mehr genug produziert und mehr Nahrungsmittel importiert werden müssen?

Alfred Schädeli: Das Thema Mindererträge darf man tatsächlich nicht ausser Acht lassen. Die Sache ist die, dass das Pestizid-Verbot nur auf eine Seite des Ernährungssystems fokussiert. Wenn man etwas so Grundlegendes verändert, kommt das ganze System ins Wanken. Was nötig ist, ist ein Systemwechsel in der Landwirtschaft. Man muss sich zum Beispiel die Frage stellen, wie die Erträge verwendet werden. Ein grosser Teil der Getreideproduktion geht zurzeit ins Tierfutter. Wenn wir die Fleischproduktion bzw. den Fleischkonsum reduzieren würden, hätten wir kein Problem mehr mit niedrigeren Erträgen.

Es wird oft gesagt, dass ökologischer Anbau nur in Kleinbetrieben möglich ist, stimmt das?

Das ist ein Mythos. Es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass auch riesige Betriebe biologisch wirtschaften können. Das konnte man vor hundert Jahren in Schlesien feststellen, als die ersten Güter mit tausend und mehr Hektaren auf biologisch-dynamische Landwirtschaft umstellten. Aktuell gibt es riesige Biobetriebe in Russland, Argentinien oder China. Auch in der Schweiz gibt es einige sehr grosse Biobetriebe.

Doch ist ein so radikaler Systemwandel bei uns realistisch? Was könnte die Agrarlobby und die Politik dazu bewegen, sich auf dieses Umdenken einzulassen?

Das Agrarbusiness ist extrem lukrativ und hat auch politisch eine gewisse Machtposition. Doch das aktuelle Modell wird mittelfristig nicht nur der Umwelt und der Gesundheit der Menschen drastisch schaden, sondern auch Folgekosten verursachen, die dann die Allgemeinheit tragen muss. Die konventionelle Landwirtschaft bewirkt eine Verminderung der Bodenfruchtbarkeit und den Verlust der Biodiversität, was drastische Konsequenzen für unseren Lebensraum hat. Von dem her wird der Systemwandel hin zu einem ökologischen Anbau sowieso stattfinden müssen – die Frage ist nicht ob, sondern nur wann wir mit diesem Irrsinn aufhören. In 50 oder 100 Jahren wird man zurückschauen und den Kopf schütteln, dass man jemals auf die Idee gekommen ist, Gift auf Lebensmittel zu spritzen. Ich bin überzeugt, dass man das in Zukunft als absurd betrachten wird.

Dann plädieren Sie für ein Ja zum Pestizid-Verbot?

Auf jeden Fall, denn dies ist eine der Massnahmen, um den ohnehin nötigen Wandel etwas zu beschleunigen. Mit der Annahme dieser Initiative werden wir nicht alle Probleme auf einen Schlag lösen, vielleicht werden wir sogar kurzfristig neue schaffen. Doch ein Pestizid-Verbot würde die Politik dazu zwingen, neue Lösungen zu erarbeiten. Die schnellste und einfachste wäre die Erhöhung der Importe – doch auch die kurzsichtigste und dümmste.

Über

Nicole Maron

Submitted by christoph on Mo, 04/19/2021 - 17:25

Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte. 

Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3