...und macht Freude. Zumindest, wenn man den Entwicklungsgedanken mit einschliesst. Ein paar Gedanken zum Tag der Arbeit. Kolumne.

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«Was kann ich denn da noch werden?» Es war mehr ein Ausruf als eine wirkliche Frage, mehr eine Feststellung. Ich war ganz überrascht, ob der impulsiven Äusserung meiner Freundin.

Sie arbeitet aktuell in einer Firma, bei der viele Aufgaben den Mitarbeitenden weggenommen werden, Verantwortlichkeiten zentralisiert, wo rationalisiert wird. Und wo Arbeiten vereinfacht werden, was den Angestellten keine wirklichen Herausforderungen mehr bietet. Es scheint einzig und alleine die Marktwirtschaft zu zählen, ohne Beachtung der jeweiligen Interessen, Potentiale oder Bedürfnisse der Mitarbeitenden. Eine regelrechte Verödung des gesamten Arbeitsalltags hält Einzug. Die Stimmung im Geschäft ist gedrückt, die Mitarbeiter sind leiser, in sich gekehrter, erzählt meine Freundin. Auch die Kommunikation im Betrieb sei nicht mehr wie früher. Vor Corona wurden im Plenum gemeinsam Ideen gesponnen, Produkteverbesserungen vorgeschlagen, alle konnten mitreden. Das Team fühlte sich als Ganzes, obwohl es aus verschiedenen Abteilungen besteht. Heute sitzt die halbe Mannschaft im Homeoffice, jeder alleine für sich, der letzte lebendige Austausch im Sitzungszimmer liegt Monate zurück.

Hat so etwas Zukunft? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich weiss, dass die Zeiten alles andere als leicht sind. Lassen Sie mich dennoch die Gedanken zu Ende führen. Denn diese Aussage meiner Freundin «Was kann ich hier noch werden?» hat es meines Erachtens in sich. So simpel sie ist, so entscheidend ist sie. Denn sie berührt eine zentrale Frage des Menschseins. Diejenige der Entwicklung.

Denn was passiert mit einem Menschen, der sich nicht mehr entwickeln kann? Er muss unweigerlich irgendwann mal unzufrieden werden und später gar in eine Depression fallen, wenn er für längere Zeit nicht mehr gefördert wird oder gefordert ist. Vielleicht kann er das lange Zeit durch irgendetwas kompensieren, das dann hoffentlich einigermassen eine gesunde Kompensation ist. Aber letztlich will sich der Mensch entwickeln können – und werden. Und nicht immer nur das tun, was er schon beherrscht. Im Sinne des US-amerikanischen Erfinders und Automobilpioniers Henry Ford: «Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.» Geht nicht, oder?

Entwicklung kann geschehen, in dem Mitarbeiter neue Aufgaben übernehmen können. Entwicklung kann aber auch geschehen, in dem das Produkt laufend verbessert wird. Und wie mutig fände ich es, wenn die Entwicklung der sozialen Kompetenz am Arbeitsplatz als Thema Einzug halten würde. Oftmals bleibt dies vollkommen auf der Strecke, wird wie vorausgesetzt. Ich bin sicher, wenn Menschen darin geschult würden, man einiges mehr aus einem bestehenden Team herausholen könnte, und die Arbeit auch erfüllender würde. Schon nur in dem man lernt, das Gegenüber wirklich wahrzunehmen. Sie sagen: Das ist Peantus? Ist es nicht. Schon nur eine bewusste Wahrnehmung seiner Mitmenschen bewirkt eine ganz andere, positive zwischenmenschliche Entwicklung, baut das Gegenüber auf. Was sich garantiert auf die Arbeitsatmosphäre und entsprechend auf den Erfolg auswirkt.

Menschen, die sich in einem Team weiterentwickeln können, bleiben engagiert, motiviert und damit auch gesund. Sie werden nicht erschöpft, sondern generieren neue Antriebskräfte. Es werden keine Mitarbeiter sein, die den Feierabend herbeisehnen. Sondern mit viel Herzblut ihr Bestes geben und so den Betrieb, das Produkt und auch sich selber stärken. Und wenn es aktuell so noch nicht ist, da wo Sie arbeiten, kann es ja noch so werden.

 

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Lis Eymann aus Biel ist freie Journalistin und Radiomoderatorin und hat Soziale Integrität und Meditation an der Akademie für Soziabilität studiert.
Mehr von und über Lis Eymann: https://verbindenaufbauenverwandeln.com/