Lieben in Zeiten der Spaltung

Die Erleuchtung kam auf leisen Katzenpfoten. Kolumne.

@ Mirjam Rigamonti

Mira, unsere Katze, ist tot. Sechszehn wertvolle Jahre lang, hat sie uns begleitet, ist mit unseren Kindern aufgewachsen und war ein vollwertiges Familienmitglied. Nun mussten wir sie leider erlösen.

Mira fehlt unendlich. Die Lücke, die sie zurückgelassen hat, ist enorm und immer wieder gibt es Momente, die uns schmerzlich an ihr Fehlen erinnern. Mira war immer hier, freiwillig, denn sie konnte selbständig ein- und ausgehen. Oft, wenn ich nach Hause kam, begrüsste sie mich draussen, um mich ins Haus zu begleiten. 

Mira war stets freundlich, nie aggressiv oder verstimmt. Manchmal wollte sie für sich sein, war distanziert, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf mich zuzukommen. Oft sass sie schnurrend auf meinem Schoss, rieb ihre Stirn an meiner, tröstete mich, wenn ich traurig war.

Ihre letzte Nacht verbrachte sie auf meinem Bett. Als ich aufwachte, stieg sie auf meinen Brustkorb und sah mir lange und intensiv in die Augen. Ich glaube, sie fühlte, dass es Zeit war Abschied zu nehmen. Wir taten es schweigend und zutiefst verbunden. Dabei spürte ich viel Liebe von diesem Wesen ausgehen, eine Liebe, wie ich sie selten von meinen Mitmenschen kenne. Eine Liebe, die einfach ist, ohne Wertung, ohne Ansprüche.

Eine leider viel zu früh verstorbene Freundin, die immer Hunde hielt, sagte mir nach einer weiteren unglücklichen Beziehung mit einem Mann: «Was brauch ich einen Mann, wenn ich einen Vierbeiner habe!»

Warum fällt es vielen Menschen leichter, ein Tier zu lieben, als einen Menschen? Tiere verletzen ihre Halter praktisch nie, und wenn es geschieht, dann ist dies absichtslos und oft mit Schuldbewusstsein verbunden. Tiere sind äusserst loyal und treu, oft sogar über den Tod ihres menschlichen Freundes hinaus. Viele leiden danach so sehr, dass sie sogar an dessen Grab nach ihm suchen. Nach dem plötzlichen Tod meiner oben erwähnten Freundin, machte ihr Hund eine Magendrehung durch und musst notoperiert werden. So gross war seine Erschütterung.

Berichten zufolge, warnten Tiere ihre Menschenfamilie auch schon vor Gefahren, wie zum Beispiel vor einem Feuer, und haben so ihr Leben gerettet. Obwohl das bei Menschen ebenso vorkommt, erstaunt es bei Tieren, weil man ihnen oft nur ein reines Instinkt-Reaktionsverhalten zugesteht – wirklich? Wäre die instinktive Reaktion bei Feuer nicht eher die Flucht, um das eigene Leben zu retten?

Was aber bei Tieren vor allem heraussticht: Sie lieben bedingungslos, sind loyal, oft sogar dann, wenn sie schlecht behandelt werden und die Möglichkeit hätten zu fliehen. Es scheint etwas Tieferes zu geben, was Tiere spüren und mit dem sie verbunden sind, etwas das jenseits ist von unserem  Denken, Glauben und Handeln. Es ist, als ob Tiere unseren wahren Wesenskern spüren und lieben. Einige nennen es das Göttliche in uns.

Was können wir von den Tieren lernen? Gibt es eine Möglichkeit, Spaltung, Unverständnis und sogar Hass durch Liebe zu überwinden? Vielleicht wenn wir uns am wahren Wesenskern unseres Mitmenschen orientieren, indem wir das verborgene Gute hinter dem Schlechten erkennen. Vom Dalai Lama stammt die Aussage: «Hasse die Tat, nicht den Täter.» Es gilt zu differenzieren, die andere Meinung zu tolerieren und uns nicht am Trennenden zu orientieren, sondern am Verbindenden, an dem was Freude macht. Wir sind es durch Erziehung gewohnt, dass unsere Schwächen schwerer wiegen als unsere Stärken. Wir werden wegen unserer Leistungen mehr geliebt als wegen unserem Sein, unserem Wesen. Dass es anders möglich und umso wertvoller ist, lehrte mich unsere Katze. 

 

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Mirjam Rigamonti Largey aus Rapperswil in St. Gallen ist Psychotherapeutin, hat Psychologie, Religions-Ethnologie und Ethnomedizin studiert, arbeitet als Kunstschaffende, freie Schriftstellerin und als Friedensaktivistin.

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