Ohne Pieks #3: Graswurzle – eine Bewegung von unten, die Menschen lokal vernetzt

Der Verein «Graswurzle» hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen auf lokaler Ebene zu vernetzen. Er bezeichnet sich als Bewegung von unten, die konstruktive Lösungen für die Krise bietet und parallele Strukturen für Menschen schafft, welche die aktuellen politischen Einschränkungen als schmerzhafte Einschnitte in ihr Leben empfinden. Geschäftsführerin Prisca Würgler erzählt im Interview mit dem Zeitpunkt, wie die Bewegung entstanden ist und sich stetig weiterentwickelt. Aus der Serie «Ohne Pieks», in der wir die Geschichten von Ungeimpften erzählen.

Prisca Würgler im Gemeinschaftsgarten des Vereins Graswurzle / © zVg

Zeitpunkt: Wie kam es zur Gründung der Graswurzle-Bewegung?

Prisca Würgler: An der Vernissage des Buches «Unser Jahr unter Corona», im März dieses Jahres, merkten wir, dass viele der Autorinnen und Autoren motiviert waren, sich weiter zu engagieren. Für mich war klar, dass der nächste Schritt über das reine Dokumentieren und Geschichtenerzählern hinausgehen musste: Ich wollte konkrete Aktivitäten angehen, die uns helfen, mit der aktuellen Realität umzugehen. Und zwar, ohne sich ständig über die Grenzen zu beklagen, die uns gesetzt werden, oder den Konflikt mit der Gesellschaft oder der Politik zu suchen. Sondern ganz einfach indem wir anfangen, unsere eigenen Räume zu schaffen, in denen wir uns auch frei bewegen können, ohne uns dem Masken- oder Impfzwang zu unterwerfen.

In dieser Konstellation begannen sich verschiedene Ideen und Projekte herauszukristallisieren. Doch die schweizweite Vernetzung stellte eine Herausforderung dar, die weiten Fahrwege wurden schnell zu einem Hindernis. Mir wurde bewusst, dass jeder und jede Menschen im nächsten Umfeld braucht, an die er sich wenden kann, wenn er verzweifelt. So kamen wir auf die Idee, Lokalgruppen zu bilden, die inzwischen weitgehend selbständig operieren.

Welche Aktivitäten werden dort organisiert?

Das ist ganz unterschiedlich. Hier vor Ort haben wir beschlossen, Geld zusammenzulegen und ein Lokal zu mieten, das inzwischen zur Geschäftsstelle eines eigenen Vereins geworden ist. Wir kommen zusammen, um zu kochen, Musik zu machen oder uns zu unterhalten. Wir haben auch einen kleinen Verkaufsstand, und es gibt die Möglichkeit, sich hier zu verpflegen. Dies unter anderem im Zusammenhang mit der Befürchtung, dass die Zertifikatspflicht bald auch für Läden gilt. Solche Initiativen auf lokaler Ebene helfen, alternative Einkaufsmöglichkeiten aufzubauen.

Eine Gruppe von Frauen hat eine Weiterbildung zum Einkochen von Lebensmitteln organisiert, da sich in den Gesprächen herausgestellt hat, dass sich viele Gedanken ums Thema Nahrungssicherheit machen. Deshalb haben wir auch angefangen, einen Gemeinschaftsgarten aufzubauen, um den Grad an Selbstversorgung zu erhöhen. Ein Landwirt hat uns ein Stück Land zur Verfügung gestellt – ein Blätz Wiese, der als Weideland genutzt wurde. Wir begannen im April, ihn in einen Acker zu verwandeln, und inzwischen bauen wir unter anderem Kartoffeln und Gemüse aller Art sowie Kräuter und Beeren an. Diejenigen, die mitarbeiten, haben an der Ernte teil, und die anderen Vereinsmitglieder haben die Möglichkeit, die Produkte gegen eine Spende mitzunehmen.

Spüren Sie, dass ein Bedürfnis für mehr Aktionen dieser Art besteht?

Das Bedürfnis ist enorm. Inzwischen sind es um die 5000 Menschen, die in irgend eine Form mit Graswurzle vernetzt sind. Der Versuch, parallele Strukturen aufzubauen, ist dabei zentral. Wir haben keine Lust mehr, mit dem System in Konflikt zu geraten oder andere in Bedrängnis zu bringen. Auf der anderen Seite wird uns immer klarer, wie wichtig es ist, Anknüpfungspunkte zu haben, wenn man sich auf Grund der aktuellen politischen Bestimmungen ohnmächtig fühlt. Ich bekomme täglich Mails von Menschen, die unter dem Druck enorm leiden und sich deshalb vernetzen möchten. An den Graswurzle-Treffen habe ich immer wieder mitbekommen, wie der eine oder die andere freudig überrascht war, weil er gemerkt hat, dass er nicht der einzige in seinem Dorf ist, der gewissen Dingen kritisch gegenübersteht. Dies gibt einem die Kraft, Diskrimierungen oder Diffamierungen im Alltag auszuhalten, auch im Bekanntenkreis oder in der Familie.

In dieser Bewegung ist eine Menschlichkeit zu spüren, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich denke, das liegt zum einen daran, dass man im gleichen Boot sitzt und sich durch eine gemeinsame Vision verbunden fühlt. Anderseits hat es auch damit zu tun, dass viele Menschen gerade auf Grund dieser Krise wieder mehr zu sich selbst finden und Vertrauen in ihre Wahrnehmung aufgebaut haben.

Wie kann man sich einbringen?

Ein erstes Beschnuppern ist über das Abonnieren des Newsletters möglich. Wer sich entscheidet, Mitglied zu werden, bekommt ausserdem Zugriff auf unser Intranet, wo Gesuche und Angebote aller Art aufgeschaltet werden – von Einladungen zu informellen Plaudertreffen oder Nachtessen bis zu Hinweise auf Betreuungsangebote für Kinder oder ältere Menschen. Einmal hat jemand, der in einem anderen Kanton einen Kurs besuchen wollte, über uns spontan eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden – ins Hotel konnte er als Ungeimpfter ja nicht mehr. Zurzeit sammeln wir auch Informationen zum Thema Bildung, alternative Angebote von Privatschulen oder Menschen, die Homeschooling anbieten.

Wer sich informieren, Mitglied werden oder eine neue Lokalgruppe gründen möchte, kann das auf www.graswurzle.ch tun oder sich direkt bei Prisca Würgler melden: [email protected]

Über

Nicole Maron

Submitted by christoph on Mo, 04/19/2021 - 17:25

Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte. 

Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3