3 Fragen an Apfelleder-Schuhproduzentin Sibylle Oetiker

Es wird immer von Zu-vielem-Fleischkonsum geredet, wenn es darum geht, das Tierleid und die umweltbelastenden Emissionen zu vermindern. Dabei wird vergessen, dass auch Produkte für den täglichen Gebrauch aus Tiermaterial, zum Beispiel aus Leder hergestellt werden. Als die Zürcherin Sibylle Oetiker beim Kauf von Schuhen künftig auf Leder verzichten wollte, stellte sie fest: Es ist aussichtslos vegane und nachhaltige Pumps zu finden. Also fasste die 39-Jährige den Entschluss, selbst Stöckelschuhe zu produzieren – und zwar aus Äpfeln.

© Philipp Müller

Zeitpunkt: Schwer vorzustellen: Sie stellen Schuhe aus Äpfeln her, wie geht das?

Sibylle Oetiker: Genauer gesagt aus Überresten der Apfelsaft-Produktion. Die Abfallmasse aus Kernen und Haut wird getrocknet, zu Pulver verarbeitet und anschliessend mit dem wasserbasierten Kunststoff Polyurethan vermischt. Dieses Gemisch wird dann auf ein Gewebe aufgetragen und gepresst, sodass die klassische Lederoptik entsteht. Das Apfelleder besteht aktuell zu 70 Prozent aus Apfelresten.

Meine Vision ist es, irgendwann 100 Prozent biologisch abbaubare High Heels zu kreieren. Wenn es um die Materialien geht, die es für die Produktion der Schuhe braucht, ist das aktuell leider noch nicht möglich. Ich bin der Meinung, dass man trotzdem irgendwo anfangen muss. Nachhaltigkeit ist für mich ein Prozess und nicht nur eine Frage des Materials – sondern auch eine Frage der Lebenseinstellung. Mir ist besonders wichtig, dass die ganze Wertschöpfungskette von A bis Z nachhaltig ist. Die Schuhe werden daher in einer kleinen Familienmanufaktur in Portugal unter fairen Arbeitsbedingungen von Hand gefertigt. Unsere Verpackungen sind alle aus recyceltem Material und nach Gebrauch auch recyclebar, und ausserdem versenden wir klimaneutral.

Wie kamen Sie auf die Idee einen solchen Schuh zu produzieren?

Ein Zeitungsartikel über die Lederindustrie hat alles ins Rollen gebracht. Wegen der Auswirkungen der Lederproduktion auf Umwelt, Tier und Mensch habe ich für mich entschieden, dass es in Zukunft nicht mehr unbedingt Leder sein muss. Daraufhin wollte ich mir ein paar vegane Pumps kaufen und habe festgestellt, dass diese meist einfach nur aus Plastik bestehen. Das ist zwar vegan, aber nicht nachhaltig. Also habe ich angefangen zu recherchieren und bin dann auf diese innovativen pflanzenbasierten Lederalternativen gestossen. Da habe ich gemerkt, dass noch niemand Schuhe daraus herstellt. Also habe ich mich mit Material- und Schuhproduzenten vernetzt und kurzerhand selbst für Abhilfe gesorgt.

Dazu habe ich letztes Jahr das Label SASHAY ins Leben gerufen. Unsere Schuhe sind eine echte Neuheit – ohne Kompromisse in Sachen Nachhaltigkeit und Stil. Ich möchte mit den Pumps aus Äpfeln etwas verändern und einen konkreten Beitrag leisten, im Sinne: Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Bewusstsein für nachhaltigen Konsum.

Der altbewährte Lederschuh, der so lange hält. Kann dem ein Schuh mit anderem Material überhaupt die Stirn bieten? Und woher kommen die Äpfel?

Die Äpfel kommen zurzeit aus Japan. Japan hat – wie beispielsweise Italien auch – eine grosse Apfelsaftindustrie. Natürlich ist das hinsichtlich Transportwege nicht gerade nachhaltig. Wir testeten zuvor auch verschiedene Materialien aus Europa. Diese hatten jedoch einen Apfelanteil von nur rund 30 Prozent. Zudem waren die europäischen Lederalternativen für die Schuhproduktion einiger Modelle nicht geeignet. Ich habe also einen Entschied gegen die Nachhaltigkeit des Transportweges, aber für die Qualität und Nachhaltigkeit der Zusammensetzung des Produktes gefällt. Das Apfelleder ist hochwertig, pflegeleicht, robust und wetterfest. Selbst helle Farben kann man bei Regen tragen, ohne dass Wasserränder zurückbleiben. Das finde ich persönlich einen Riesenvorteil gegenüber echtem Leder. Das Apfelleder sieht genauso aus und fühlt sich an wie tierisches Leder, ist aber deutlich nachhaltiger.