Zwischen Bäumen in der Freiheit und stets in Bewegung

Menschen aus dem Leben – Flurin Kappenberger mag es, sich selbst auf der Spur zu sein und anderen Menschen beizustehen, das Gleichgewicht zu finden. Donnerstags zieht er mit Kindern in den Wald auf Entdeckungsreise. An anderen Tagen tanzt und musiziert er. Ein Porträt.

©cal

Rote, gelbe, braune Blätter liegen auf dem Boden am Waldrand herum, der feine Duft von herbstlichen Bäumen liegt in der Luft. Kinder rennen von hier nach dort, springen über Äste und Baumstümpfe, klettern auf den Kinderholzturm, rutschen an einer Stange herunter, spielen «Fangis». Mittendrin steht Flurin Kappenberger. Schon bald wird der 35-Jährige mit den Kindern in den Wald vordringen, weit hineinspazieren, bis zum eingerichteten Waldplatz, wo dann er und die Kinder den ganzen Tag verbringen werden.

Den Waldtag bietet Flurin bereits seit drei Jahren an. Jeden Donnerstag versammeln sich bis zu 13 Homeschooler- und Freilernerkinder beim Eingang des Bremgartenwaldes, am Rande der Stadt Bern. Es ist ein alternatives Angebot zum üblichen Schulsystem. «Der Wald ist ein passendes Umfeld für den freien Ausdruck, den Kinder brauchen», sagt der Hochgewachsene mit ruhiger Stimme, die geduldigt klingt. «Das hilft den Kindern, sich zu entfalten und Dinge zu entdecken.» Auch er fühle sich wohler, Kinder in ihrer Entwicklung in der Natur zu begleiten, statt in einem geschlossenen Raum, wie er es vorher gemacht hat.

Sein Waldtag-Angebot ist eine logische Konsequenz von Flurins Wesen und seiner Lebensgeschichte. Auf die Welt kam er im Tessin, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nachdem er Schule und Gymnasium abgeschlossen hatte, wusste er: «Ich will etwas anderes.» Er ging in den Zirkus und ans Theater, unter anderem an die Scuola Teatro Dimitri. Auch bildete er sich im Tanz aus und zum Spitalclown für kranke Kinder. «Dies alles liess mich so lebendig fühlen», erinnert er sich, «dagegen in der Schulzeit davor war ich meiner Essenz kaum nähergekommen».

Später tingelte der Tessiner mit dem Zirkus Knopf durch die Schweiz, brachte dabei den Jugendlichen etwa Akrobatik bei. Und als Luftartist schwang er etwa 2018 im Dählhölzliwald in Bern hin und her, für die Produktion «Zwischen__Bäumen» von der bekannten Berner Tanzgruppe Öff Öff.
 

Öfföff-Tanzproduktion in Bern: Das Publikum bestaunt die schwindelerregende Einlage von Flurin Kappenberger (oben). / David Schweizer 


Wenn Flurin nicht in der Natur ist, ob als Akrobat oder Waldtag-Leiter, bietet er mit vier weiteren Musikern der Gruppe «Hu dances» inspirierende Tanzabende an. «Die Menschen kommen und tanzen sich frei», so der Künstler. Zu improvisierter Musik, während zweier Stunden. Und mit dem Angebot «Seelengsang», das in Bern und anderen Schweizer Städten stattfindet, lädt er zum Mantra-Singen ein. «Durch Tanzen, Singen, Bewegung kann man sich selbst erfahren und seine Lebendigkeit zum Ausdruck bringen.»

Deswegen ist für ihn die Coronazeit schwierig. «Singen und Tanzen sind so stärkend, und genau diese Sachen sind jetzt verboten», sagt er bedauernd. «Die Menschen sind zurzeit gefordert, ich bemerke, sie sind innerlich sehr bewegt.» Die Restriktionen von Seiten des BAG findet er als freiheitsliebender Mensch absurd und übertrieben, sie verbreiteten Angst. «Das ist das Gegenteil von Vertrauen.» Auch die Maske macht ihm zu schaffen. Er habe keine Luft gekriegt, sich taub gefühlt, ein ärztliches Attest habe ihn nun von der Maske befreit. Bei den Kleinen stellt er fest: «Kinder brauchen einen Bezug, eine Bindung zu den Menschen. Sie benötigen das Gesicht, den Ausdruck des Gegenübers, um sich zu entwickeln und sich sicher zu fühlen.» Kommunikation sei so wesentlich und geschehe zu einem grossen Teil nonverbal – über Mimik.

Der Waldtag scheint in Zeiten von Corona ein Glücksfall und ein Segen für Kinder zu sein. Weit weg vom einengenden Alltag machen sie Feuer, kochen über den Flammen das Mittagessen, spielen in und mit der Natur, bauen zwischen den Bäumen Hütten, Boccia- und Seilbahnen, sie erforschen, kämpfen und ringen untereinander, entdecken Tierchen und Pflanzen. «Hier können sie ohne Erwartungen, ohne Leistungsdruck ihren Begeisterungen und Interessen nachgehen und dies mit den anderen erleben», sagt Flurin, der seit sechs Jahren in Bern lebt. Das sei die Grundlage für ein selbstbestimmtes Lernen. Es wundert nicht, dass der Waldtag gut besucht ist. Genau genommen gibt es unterdessen bereits eine Warteliste.

Was alle Tätigkeiten von Flurin verbindet, wie er selbst darauf hinweist, ist: «Der Mensch ist mit allem Nötigen auf die Welt gekommen, er ist vollkommen, ein Wunder sozusagen.» Zu diesem Kern, diesem Potential, dürfe man zurückkehren. Bei seinen Aktivitäten und Angeboten – egal ob Wald, Musik, Tanz oder Körperarbeit in seiner Praxis in Bern – gehe es ihm stets darum, das innere Gleichgewicht wieder zu finden. Das Gleichgewicht, das durch Stress und Leistung verloren gegangen ist.

Die Truppe aus Kindern verschiedenen Alters dringt in den Wald ein. Flurin zieht hinter sich einen Ladewagen her mit allerlei Utensilien, unter anderem einem Kochtopf. Die Kinder, warm gekleidet, rennen auf dem Waldweg voraus oder springen vergnügt um Flurin herum. «Jedes fallende Blatt durch den Wind, jede Freude über einen Frosch, jedes Spiel mit dem Matsch und jeder Feuerfunken sind für die Kinder eine Ressource, ein Segen. Sie staunen über diese Sachen, es ist Lebensfreude, für sie und dann auch für uns Erwachsene», sagt er. Und endet mit den Worten: «Back to nature» – zurück zur Natur.

 

Links
Flurin Kappenberger: www.flurin.art
Freies Tanzen zu Livemusik: www.hu-dances.ch