Ohne Pieks #1: Die impf-freien Nischen der Schweiz

«Geimpft, genesen oder getestet» heisst das Mantra der neuen Ära. Denn nur, wer eins der drei G erfüllt, erhält in der Schweiz ein Covid-Zertifikat. Menschen, die sich nicht impfen lassen, werden von einem grossen Teil des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Der Zeitpunkt erzählt in der Serie «Ohne Pieks» ihre Geschichten. Dabei wollen wir nicht nur zeigen, inwiefern Ungeimpfte privat und beruflich eingeschränkt werden – sondern vor allem auch, wie in den impf-freien Nischen der Schweiz Raum für Neues entsteht. Denn immer mehr Menschen beginnen, alternative Strukturen und Angebote aufzubauen. Dabei wird viel Kreativität freigesetzt und es entstehen neue Freundschaften.

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Seit zwei Wochen gilt in der ganzen Schweiz: Nur wer ein Covid-Zertifikat vorweist, darf Restaurants, Bars, Theater, Schwimmbäder, Museen oder Fitnessstudios besuchen. Das heisst: Wer sich nicht impfen lässt, wird bis auf Weiteres von einem grossen Teil des öffentlichen Lebens ausgeschlossen – oder muss dafür bezahlen. Ab 11. Oktober soll es für Ungeimpfte keine Gratis-Schnelltests mehr geben. Ein Käfchen im Migros-Restaurant, ein Zumba-Workout oder ein Kinoabend wird also demnächst ziemlich teuer. Auf die Wintersaison hin wird auch über eine Zertifikatspflicht in Skigebieten diskutiert, und der Bündner Gesundheitsdirektor will diese sogar auf Läden und den Öffentlichen Verkehr ausweiten.

Auch Studierende sind seit neustem dem Impfzwang unterworfen: Der Dachverband der Schweizer Universitäten rät den Hochschulen zur Einführung einer Zertifikatspflicht – und viele von ihnen folgen dem Rat. So ist es unter anderem an der ETH Zürich, an den Unis Lausanne und Neuenburg sowie an der Hochschule Luzern nicht mehr möglich, ohne Impfung an Lehrveranstaltungen teilzunehmen. Ob Alternativen wie Online-Unterricht angeboten werden, ist noch nicht klar und liegt in der Verantwortung der einzelnen Universitäten. Manche denken über hybride Lösungen nach, andere künden an, die Lerninhalte «in adäquater Form» online bereit zu stellen. 

Die Impfung wird aber nicht nur durch diese Massnahmen gepusht. Um es Impfwilligen so einfach wie möglich zu machen, sind in verschiedenen Städten Impfbusse und Impftrams unterwegs. Doch das mit dem freien Willen ist so eine Sache. Kann man tatsächlich behaupten, das Impfen sei freiwillig, wenn Menschen, die sich dagegen entscheiden, deshalb ihren Job oder ihr Studium aufgeben müssen? So berichtete der «Bund» von einem Studenten, der sich nur für eine Impfung entschied, um weiterhin an seinen Vorlesungen teilnehmen zu können. Entsprechend kreuzte er auf seiner Einverständniserklärung die Frage, ob er sich freiwillig impfen lasse, mit Nein an. Worauf ihm der Arzt mitteilte, dass er ihn nicht impfen könne, wenn er das Kreuz nicht beim «Ja» setze.

Diese und andere Bestimmungen rund um Impfung und Zertifikat haben zu teilweise heftigen Protesten geführt. Auf dem Bundesplatz in Bern kam es zu Ausschreitungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei und zum Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Gummischrot. Laut Einschätzung des Berner Sicherheitsdirektors Reto Nause kann man die Menschen, die gegen die Covid-Massnahmen demonstrieren, nicht einem bestimmten politischen Lager zuordnen. «Das Links-Rechts-Schema greift hier nicht», sagte er gegenüber dem St. Galler Tagblatt.

Tatsächlich sind die Motive für Empörung oder Verzweiflung ganz divers und meist sehr persönlich. Viele Kritikerinnen und Kritiker stellen prinzipiell in Frage, bis zu welchem Punkt es vertretbar ist, dass der Bundesrat die individuelle Freiheit einschränkt. Doch darüber hinaus sind es oft sehr persönliche Beweggründe, die teilweise existenzielle Ängste auslösen. Zum Beispiel bei Restaurantbesitzern: In der ersten Woche der Zertifikatspflicht sank der Umsatz in der Gastrobranche schweizweit um 17 Prozent. Dies könnte gerade für kleine Betriebe zum endgültigen Aus führen, deren finanzielle Situation auf Grund der letztjährigen Lockdowns ohnehin schon prekär ist.

Und dann gibt es Fälle wie der des Büdnders Curdin Ragutt, der nach der ersten Impfdosis eine Herzmuskelentzündug bekam und nicht weiss, welche Konsequenzen eine zweite Dosis für ihn haben könnte. Trotzdem hat er bisher keinen Arzt gefunden, der ihm eine Impfdispens ausstellt. Also erhält der 21-Jährige kein Zertifikat und muss in Zukunft auf vieles verzichten –  allenfalls auch auf sein Studium.

Doch wir möchten nicht nur zeigen, was Ungeimpften alles verunmöglicht wird, sondern vor allem, welches Potenzial diese Krise hat. Denn überall im Land beginnen sich Menschen zusammenzutun und zu sagen: Dann machen wir eben unser eigenes Ding. In den nächsten Wochen nehmen wir Sie mit auf eine Entdeckungsreise durch die impf-freien Nischen der Gesellschaft ­– denn dort entstehen zurzeit kreative Alternativen und neue Strukturen. Wir lassen Ungeimpfte aus verschiedenen Alters- und Berufsgruppen zu Wort kommen, die uns erzählen, wie sie ihr Leben neu gestalten. Möchten auch Sie Ihre Geschichte mit uns teilen? Wir freuen uns über Zuschriften auf [email protected] 

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Nicole Maron

Submitted by christoph on Mo, 04/19/2021 - 17:25

Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte. 

Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3