Mit jeder Reise in die Ferne komme ich mir selbst und der Welt ein Stück näher. Bedeutet doch «Reisen», dem Fremden mit offenem Auge und Herzen zu begegnen. Kolumne.

@ Andreas Beers

«Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad. Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend in eine Postchaise, …an einem schönen stillen Nebelmorgen» – so beginnt Goethes erster Band der «Italienischen Reise». Von 1786 bis 1788 erfüllte sich Goethe einen Lebenstraum: eine Reise nach Italien. Dem Dichter offenbarte sich dadurch nicht nur eine neue Welt, sondern sie veränderten sein Leben und Schaffen als Dichter, Naturwissenschaftler und Mensch. Als ich vor langer Zeit Goethes Reisetagebücher las, berührte es mich sehr, mit welcher Wachheit, Offenheit und Liebe zum Detail, er alles Fremde betrachtete. Natur, Menschen, Sitten, Kunst und Baustile nahm er förmlich in sich auf. Seine langen, wunderschönen und humorvollen Reflexionen darüber zeigen, wie tief er das Wesen des Fremden erkannte.

Es war Sommer 1981. Nicht wie Goethe mit der Postchaise, jedoch per Anhalter reiste ich damals mit siebzehn Jahren das erste Mal alleine nach Italien – auch ich in Arkadien! In den frühen Morgenstunden erwachte ich durch die prickelnde Morgenfrische auf meinem Gesicht. Aus der Wärme meines Schlafsackes heraus blickte ich auf die Ponte di Rialto in Venedig. Mit einem kleinen Bündel zerknitterter, abgegriffener kleiner Geldscheine machte ich mich auf ins nächste Café. Alleine schon diese bunten kleinen Lira-Scheine waren der Beweis für die Fremde, in der ich mich jetzt befand.   

Ob Italien, Spanien, Portugal oder Frankreich, als ich vor vierzig Jahren in diesen Ländern reiste, konnte ich eintauchen in mir bis dahin völlig fremde Kulturen. Nichts war wie Zuhause. In Allem was mich umgab – Land und Leute, Häuser, Autos und Nummernschilder, im Espresso, in den Croissants und im Staub der Gassen – roch und schmeckte ich das quirlige temperamentvolle Italien, das geniesserische selbstzufriedene Frankreich oder das herbe, selbstbewusste Spanien. Mit diesen Eindrücken lernte ich das Wesen dieser Kulturen in seinen feinen Nuancen kennen.

Diese Eindrücke bilden im Grunde bis heute noch meine Empfindungsbilder für diese Länder. Es wuchs meine Liebe und ein Verständnis für die Andersartigkeit dieser Menschen und deren Kultur. Gleichzeitig war es auch eine Erfahrung, wodurch ich mir selbst und meiner Heimat näherkam. Ich bin überzeugt, dass dies ein wesentlicher Erfahrungsschatz ist, für ein friedliches Mit- und Nebeneinander unterschiedlichster Kulturen.

Menschliche Nähe entsteht nicht durch den heute gängigen Kultureinheitsbrei von Handys, Währungen, Nummernschildern, Mode und Essen. Unter der Oberfläche dieser Gleichheitsillusion liegen noch immer viele wunderbare, fremde kulturelle Schätze verborgen. Diese aufzufinden, macht eine Reise erst wertvoll. Wie jeder einzelne Mensch, braucht auch jede Kultur ihren notwendigen Eigenraum, sprich Grenzen zur Entfaltung. Kulturräume sind über Jahrtausende gewachsen und verändern sich nur langsam. Friedliche Verbindung und Verschmelzung von Kulturen entsteht nur durch die darin lebenden Menschen selbst, wenn sie dies wollen und können.

Politik, Wirtschaft oder einheitliche Währung bedienen in der Regel ausschliesslich Geld- und Machtintentionen. Kulturelle Werte und völkerspezifische Lebensweisen werden damit flachgebügelt. Dass es fremde Kulturräume gibt, ist etwas Schönes. Diese frei überschreiten zu dürfen, macht Freude. Eine eigene Kultur zu haben ist eine zu bewahrende Herzensangelegenheit. Die Grenzen im Herzen zu überwinden, schafft Frieden zwischen den Menschen. In diesem Sinne reise ich heute immer noch wie damals, mit Goethe im Gepäck, und freue mich mit prickelnd wacher Neugierde auf das Fremde und entdecke jede Menge Schätze, in jeder Hinsicht.
 

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät, pflanzt und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen. Kontakt: [email protected].

«Wir sind einer für den anderen Pilger, die auf verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zu wandern». (Antoine De Saint-Exupéry)