Was uns die Toilettenpapier-Geschichte lehrt

Praktisch überall auf der Welt ist das Toilettenpapier ausverkauft, obwohl es nachweislich keinerlei Bedeutung in der Bekämpfung der Pandemie hat. Fast niemand hat die wahre Ursache erkannt. Ein kurzes Lehrstück in mentaler Hygiene.

(Foto: Mick Haupt / unsplash.com)

Die Medien überschlugen sich mit Erklärungen: Von Herdenmentalität war die Rede, von vorausblickender Angst, von Panikkäufen und dergleichen mehr. Neoliberale Kreise sahen es als Beweis für das Versagen eines Markte mit zu viel staatlicher Regulierung. Bestimmt gab es auch einige, die tatsächlich zu viel gekauft und gehortet haben.

Aber alle waren sich einig, dass das Phänomen bald vorbeigehen würde, sobald der Bedarf der Panikkäufer gedeckt sein. Aber es geschah nicht. An vielen Orten sind die Gestelle mit Toilettenpapier immer noch leer. Warum?

Es sind die Lieferketten, die nicht mehr funktionieren. Dies hat Will Oremus auf medium.com herausgefunden, der der Sache nachgegangen. Er zeigt Folgendes:
Produktion und Vertrieb von Toilettenpapier sind zweigeteilt, in einen Markt für Konsumenten und einen für Geschäftskunden mit getrennten Lieferketten.

Mit dem weltweiten Lockdown erledigen die meisten Menschen ihre Geschäfte mit Bedarf nach Toilettenpapier zuhause und nicht mehr am Arbeitsplatz, im Restaurant oder sonst an einem öffentlich zugänglichen Ort. Der private Konsum ist massiv gestiegen, der «öffentliche» Verbrauch zusammengefallen.

Das Problem ist nicht ohne weiteres zu lösen. «Öffentliches» und privates Toilettenpapier ist wird nicht nur anders verpackt und verkauft, sondern hat oft auch andere Qualität und stammt aus unterschiedlichen Fabriken. Wie und wann sich, das harmonisieren lässt, kann niemand mit Bestimmtheit sagen, jetzt wo die «Massnahmen» schrittweise verlängert werden.

Das Problem dürfte auch in anderen Lieferketten auftauchen. Getränkehersteller liefern ihre gängigsten Produkte  in Flaschen und Büchsen über Grossverteiler an Konsumenten, an kommerzielle Outlets wie Restaurants über den Zwischenhandel in Fässern und Containern, die an Zapfsäulen angeschlossen werden können. Eine Anpassung der Produktionsketten  ist nicht ohne weiteres möglich. Woher sollen plötzlich all die Flaschen kommen?

Die Toilettenpapier-Geschichte zeigt Folgendes:

  • Eine Veränderung an der wirtschaftlichen Basis kann leicht zu Lieferengpässen an Orten kommen, wo man es nicht erwartet hätte und die man deswegen auch nicht verhindern kann. Solche Lieferengpässe werden zunehmen, da sich im Moment die ganze Weltwirtschaft in einen neuen Modus zu bringen versucht.
  • Aus einer einer realen Begebenheit mit nachvollziehbaren Gründen, wie z.B. der Toilettenpapiermangel, entsteht im Nu ein absurdes Narrativ, das von allen Kanälen unbewusst und hemmungslos verbreitet wird und kollektive Illusionen nährt. Solche Geschichten werden höchstwahrscheinlich zunehmen. Man tut gut daran, sich mental vor Massenphänomenen zu schützen und ein paar Tage zu warten, bis zuverlässige Quellen die Hintergründe liefern (wenn überhaupt möglich).
  • Die Fiktion kann eine Situation schaffen, die ihre Realität bestätigt. Offenbar hat die Toilettenpapier-Geschichte tatsächlich zu einem gewissen Horten geführt, das die Mangelsituation verschärft hat. Wenn eine Fiktion die Macht über das Kollektiv ergriffen hat, kann sich auch das freie Individuum nur mehr vor den Folgen schützen, indem es gemäss der Fiktion handelt. Aus dem Herdentrieb wird ein Herdenzwang.

Auf uns alle kommen grössere Herausforderungen zu, die mentale Hygiene unter erschwerten Bedingungen aufrecht zu erhalten. Neben seriösen Informationsquellen scheint mir eine tägliche Meditation angemessen.

Siehe auch: Will Oremus: What Everyone’s Getting Wrong About the Toilet Paper Shortage

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

032 621 81 11
christoph.pfluger@zeitpunkt.ch