Nur durch die sinnvollen Tat im Hier und Jetzt, schaffen wir den Boden auf dem die Früchte der Zukunft gedeihen können. Die Hoffnung ist wie ein gesattelter Gaul, der nie geritten wird. Kolumne.

© Mia Leu

Die Erde dreht sich in das Nachtdunkel. Der glutrote Sonnenrand versinkt hinter den bläulich schimmernden Hügeln. Im Süden leuchtet die schneebedeckte Gebirgskette der Pyrenäen. Ich sitze mit meinem Freund und zwei jungen Menschen auf dem Vorplatz ihres Landsitzes, den sie seit einigen Monaten bewirtschaften. Ihre Wangen leuchten rot, vom Wind, von der Sonne und ihrer Arbeit im Feld.

Eine Woche verbringe ich dort gemeinsam mit meinem Freund aus der Schweiz, um den jungen Menschen zu helfen, ihren Hof umzustellen auf biologisch-dynamischen Landbau. Kompost wird aufs Land gebracht, ein Gewächshaus aufgebaut. Wir sprechen über Pflanzen, Boden und Sterne. Wir speisen in grosser Runde, es wird getanzt, gesungen, und eine vibrierende Aufbruchsstimmung liegt in der Luft.

«Verhungern tut hier keiner, es gibt genug Wildschweine», so die Aussage des norddeutschen Cowboys mit Panamahut, Dodge Pickup-Auto und Flinte. An einem der Abende zum Festmahl geladen, kommen Menschen aus Nachbarhöfen und Dörfern ringsum, wie der Cowboy. In ihren früheren Leben waren sie Chirurgen, Tischler, Paläontologen und Konservendosen-Unternehmer. Jetzt sind sie «Aussteiger». Sie haben sich Güter gekauft, bewirtschaften Land und Wald, hüten Schafe oder Ziegen, ziehen durch die Ländereien und erlegen mit der Flinte Wildschweine.

«Was waren eure Hoffnungen für das neue Leben?», frage ich. «Wir wollten unabhängig und frei sein.» So die Antwort. Alle sind sie nun Besitzer von diesem und jenem, sind besorgt um den Erhalt und die Vermehrung ihrer Güter. ‹Fast gleich wie bei uns›, denke ich mir, nur sitzen sie sich hier bei den Pyrenäen nicht so auf der Pelle. Wir sprechen über autonome Energieversorgung, Baumaterialien, Wasserreservoirs und die Bürokratie der Franzosen. Wiederum denke ich: ‹Aha, wie bei uns in der Schweiz.›

Das Land ist weit und schön. Der Wind pfeifft ungehindert über die Fluren. Die Natur hat noch Platz zum Verwildern und Blühen, ein Heer von Vögeln orchestriert in der Morgen- und Abenddämmerung. Was für eine Wohltat! Nicht zu vergessen, die Menschen da sind zwar alle sehr spezielle Individualisten, doch sie helfen sich gegenseitig, das Leben zu meistern: mit Flinte, Lammkeule, Dieselmotor, Holz und Bagger. ‹Das macht Sinn›, denke ich. Das Wesentliche im Leben ist doch, dass das was ich gegenwärtig mache, sinnvoll ist, und dass ich die Hoffnung nicht so oft brauche. Was sagte doch nochmals der tschechische Schriftsteller und Politiker Vàclav Havel? Es war irgendetwas über Hoffnung und Sinn.

Also geniess ich das Leben am Fusse der Pyrenäen, die Zeit mit meinen Freunden und den Besuch bei Hildegard, auf ihrem Weingut im Languedoc mit seinen wilden Ginster-Eichenfluren und dem purpurrosa Judasbaum. Auf der Fahrt zurück durchs schöne Südfrankreich, sprechen mein Freund und ich über Hoffnung und Sinn, über was wir zum Leben brauchen. Dabei freue ich mich auf meine Arbeit in der Schweiz. Und erinnere mich an die Worte von Vàclav Havel: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.»

 

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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät, pflanzt und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen. Kontakt: [email protected].

«Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält, schau alle Wirkenskraft und Samen, und tu nicht mehr in Worten kramen.» (Johann Wolfgang von Goethe)