Ohne Pieks #5: Mentaltraining für Ungeimpfte

Patricia Aquilano hat Betriebsökonomie studiert und jahrelang als Projektleiterin für Grossprojekte in der Energiewirtschaft, der Versicherungsbranche und der Bundesverwaltung gearbeitet. Daneben führt sie auch bis heute Mentaltrainingskurse für Privatpersonen sowie für Mitarbeitende von Firmen durch. Diese Technik hilft, seine inneren Kräfte gezielt einzusetzen – im Berufsleben, im Sport, aber auch im Bereich Persönlichkeitsentwicklung. In den nächsten Wochen bietet Patricia Aquilano in Erlach (BE) ein spezielles Mentaltraining für Ungeimpfte an.

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Zeitpunkt: Sie bieten den Kurs «Mental stark sein für Ungeimpfte» an. Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden, dass ein Bedarf dafür besteht?

Patricia Aquilano: Nachdem der Bundesrat am 8. September die Massnahmen bezüglich des Covid-Zertifikats verschärft hat, haben mich zahlreiche ungeimpfte Personen kontaktiert, die Unterstützung brauchten. Ich habe viele Menschen gecoacht und ihnen dabei geholfen, mit der Situation besser umzugehen und Handlungsoptionen zu erarbeiten.

Wie ging es den Menschen, die zu Ihnen kamen?

Viele waren vollkommen aufgelöst. Nicht nur, weil ihnen auf einen Schlag klar geworden ist, wie sehr ihr Leben eingeschränkt wird, sondern auch, weil ein grosser Druck auf sie ausgeübt wird. Zum Beispiel innerhalb von Familien oder Partnerschaften und bei der Arbeit. Sie fühlen sich alleine und isoliert, weil sich in ihrem Umfeld alle anderen impfen lassen und eine Entscheidung gegen die Impfung auf Unverständnis stösst. Sie befinden sich ständig in einer Verteidigungshaltung, was viel Kraft kostet. Sie fühlen sich ohnmächtig und leiden vermehrt unter Schlafstörungen. Deshalb habe ich mich entschieden, einen zweitägigen Mentaltrainings-Kurs speziell für Ungeimpfte zu konzipieren. In Kleingruppen von vier Personen können sich die Teilnehmenden nicht nur die entsprechenden Techniken aneignen, sondern sich auch untereinander austauschen. Letzteres ist besonders wertvoll, um zu merken, dass man nicht allein dasteht. Dies ist in der aktuellen Situation sehr zentral.

Mit welchen Problemen wurden oder werden Ihre Klientinnen und Klienten in ihrem Alltag konfrontiert?

Ich habe festgestellt, dass Ungeimpfte oft wie Aussätzige behandelt werden. Zum Beispiel ein Paar, das von einem grossen Familienfest ausgeladen wurde, obwohl sie bereit waren, einen PCR-Test zu machen. Ein anderer Klient befürchtet, wegen seiner Entscheidung seinen Job zu verlieren und hat sich auf Grund dessen entschlossen, eine geplante grössere Investition nicht zu tätigen, da er nicht weiss, wie es bei ihm finanziell weitergeht. Wieder ein anderes Paar wurde mangels Zertifikat aus dem örtlichen Turnverein ausgeschlossen, was unter anderem bedeutet, dass sie nicht mehr zu den Wettkämpfen ihrer Kinder gehen können. Es sind schwere Einschnitte in ihr Leben, mit denen Menschen momentan zu kämpfen haben.

Wie können Sie ihnen helfen?

Durch Mentaltraining lernt man, seine inneren Kräfte und Energien gezielt zu nutzen und sich so zu stärken, dass man mit äusseren Einflüssen viel besser umgehen kann. Wenn man die Kraft der Gedanken und des Unterbewusstseins richtig einsetzt, kann man sich zentrieren, seine innere Mitte finden und sich dadurch nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lassen. Dies ist sehr wichtig, denn die nächsten Monate werden für Ungeimpfte anspruchsvoll. Auch Spitzensportler nutzen Mentaltraining, zum Beispiel Golfer oder Skifahrer, die eine Abfahrt im Vorfeld so visualisieren, dass sie beim eigentlichen Wettkampf sozusagen per Autopilot fahren.

Was lernt man im Kurs genau?

Wir arbeiten unter anderem mit verschiedenen Entspannungs- und Meditationstechniken, die helfen, die rechte Hirnhälfte zu aktivieren. Dadurch ermöglichen wir es uns, Herausforderungen nicht nur als Probleme wahrzunehmen, sondern in Möglichkeiten zu denken und zu erkennen, dass wir viele Handlungsoptionen haben. Ganz nach dem Motto, «wenn nichts sicher ist, ist alles möglich». Darüber hinaus machen wir ein Kommunikationstraining, in dem die Teilnehmenden lernen, in konkreten Situationen schlagfertig zu sein. Das heisst, wir erarbeiten Antworten auf Fragen, mit denen wir im Alltag konfrontiert werden, zum Beispiel «Warum lässt du dich nicht impfen?».

Was antworten Sie persönlich, wenn Ihnen diese Frage gestellt wird?

Ich sage ganz trocken: Das Risiko-Nutzen-Profil stimmt für mich nicht. Denn ich komme aus der Wirtschaftswelt und habe grosse, teilweise schweizweite Projekte geleitet. Da musste ich dauernd Nutzen und Risiken analysieren und auf Grund dessen Entscheidungen treffen. Ich bin dabei gut gefahren, und deshalb bin ich auch von meiner Entscheidung betreffend der Impfung überzeugt: Ich bleibe ungeimpft. Natürlich hat das zur Folge, dass ich nicht mehr alles tun kann, was ich vorher getan habe. Als passionierte Schwimmerin kann ich zum Beispiel nicht mehr ins Hallenbad gehen. Ich kann jedoch mit den Einschränkungen umgehen und merke auch immer wieder: In der Krise liegt eine grosse Chance. Für viele Menschen ist es schwierig, mit dieser Situation, vor allem mit dem gesellschaftlichen Druck, umzugehen. Doch bei mir hat es dazu geführt, dass ich noch viel mehr bei mir selbst bin als vorher. Das jahrzehntelange Mentaltraining zahlt sich eben aus.

Was würden Sie Menschen, die nicht so souverän mit der Situation umgehen können, sozusagen als Sofortmassnahme raten?

Das Gebot der Stunde heisst «Vernetzung». Der Austausch mit Gleichgesinnten verleiht einem Sicherheit und führt dazu, dass man sich nicht mehr so isoliert fühlt. Es gibt bereits unzählige regionale Initiativen von Ungeimpften, die gemeinsam etwas unternehmen, zum Beispiel der Verein Graswurzle oder die verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen. In Telegram kann man nach lokalen oder thematischen Gruppen suchen, zum Beispiel für Sport ohne Zertifikat, und findet dann Gleichgesinnte. Es ist im Moment auch ganz wichtig, Spass zu haben. Laden Sie sich gegenseitig zum Essen ein, unternehmen Sie Spaziergänge in der Natur, machen Sie Musik, tanzen und lachen Sie! Haben Sie Freude am Leben, auch wenn die Lage ernst ist.


Daten des zweitägigen Kurses «Mental stark sein für Ungeimpfte»:
13. Oktober/20. Oktober oder 22. Oktober/29. Oktober, jeweils von 9:00–17:30.

Mehr Informationen: www.aquilatraining.ch

 

 

Über

Nicole Maron

Submitted by christoph on Mo, 04/19/2021 - 17:25

Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte. 

Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3