Ein Mann auf der Suche nach dem ganzheitlichen Glück

Menschen aus dem Leben – Pablo Hess reiste lange mit seiner Familie durch Europa und besuchte verschiedene Lebensgemeinschaften. Er betrachtet alles aus einer ganzheitlichen und sinnorientierten Perspektive, so auch die Coronakrise.

© Foto von Pablo Hess

«Das Potential eines jeden Menschen bedeutet für die Welt ein Geschenk», sagt Pablo Hess. Beziehungen zu Menschen faszinierten ihn schon immer. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern ging er der Frage nach, was eigentlich eine glückliche Beziehung ausmacht. Die Familie konnte die Antwort darauf alleine nicht finden. So besuchte die junge Familie das grosse Gemeinschaftsprojekt Damanhur in Norditalien, das Zentrum für Friedensforschung in Tamera, Portugal, das Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung ZEGG in Belzig (Berlin) oder die Lebensgemeinschaft Füssen im bayrischen Allgäu. «An vielen Seminaren verfeinerten wir unsere Vorstellung einer ganzheitlichen Lebensform», erklärt Hess. Nach Jahren gründeten sie schliesslich ihre eigene Gemeinschaft und erwarben gemeinsam mit einer Gruppe engagierter Menschen das Schloss Glarisegg am Bodensee, wo die Familie acht Jahre lang lebte und wirkte.

«Viele Männer müssen lernen, den Kopf mit dem Bauch zu verbinden.»

In erster Ausbildung lernte Hess den Beruf des technischen Kaufmanns. Doch die Arbeit mit Menschen und die Beschäftigung mit Bewegung und Gesundheit fehlten ihm. Schon bald machte er eine Ausbildung zum diplomierten medizinischen Masseur. Später kam der eidg. Fachausweis dazu, danach ständige Aus- und Weiterbildungen in Osteopathie, Spiraldynamik und psychologischer Prozessbegleitung ibp. Seit 26 Jahren arbeitet er in seiner eigenen Praxis in Baar im Kanton Zug. Dort bietet er auch den «Männer-Kreis» an, der jeden zweiten Montag stattfindet. Damit will Hess die Kommunikation, die Intuition und auch den Zugang zu den eigenen Gefühlen bei Männern stärken. «Viele Männer definieren sich durch rein mentale Intelligenz, dabei sollten sie lernen, den Kopf mit dem Bauch zu verbinden.» Als Therapeut interessierte ihn schon immer die holistische Betrachtungsweise, also die Verbindung von Seele, Körper und Geist. Auch Antworten auf Fragen wie: In welchem Familiensystem bin ich aufgewachsen? Welche Glaubenssätze prägen mich oder halten mich gefangen? Was ist der holistische Sinn von Krankheit?

Ausgehend von dieser ganzheitlichen Sichtweise kandidierte er 2019 für den Nationalrat. Er fand seine Heimat in der «integralen Politik», die nicht von Parteiinteressen geprägt sei, so Hess, sondern von der Vorstellung einer Gesellschaft, in der das Wohl aller Menschen, Tiere und Pflanzen der Erde verwirklicht werde. «Nicht im Alleingang, sondern in Kooperation mit allen anderen Parteien, aus einer verstehenden und verbindenden Sicht», erklärt er.

«Im Zentrum muss der Mensch als guter oder schlechter Wirt des Virus verstanden werden.»

Mit Blick auf die jetzige Coronakrise sieht Hess die Probleme aus derselben Perspektive: «Als Therapeut bin ich erschüttert über die einseitige und unreflektierte Betrachtungsweise von Medien und Politik.» Er sehe eine ungesunde Entwicklung, getrieben von Angst, Isolation und Abschottung. Im Zentrum der Aufmerksamkeit müsse der Mensch als Wirt des Virus stehen. Nicht der Kampf gegen das Virus, sondern die Förderung der eigenen Gesundheit soll oberste Priorität haben. «Wir haben eine bessere Möglichkeit, diesem Erreger zu begegnen, nämlich indem wir unser Immunsystem stärken», so Hess. Als erste Massnahme versendete er im März denn auch eine Anzahl Gesundheitstipps.

Nach einem Alptraum und einem Gefühl der Machtlosigkeit fand Hess einen politischen Weg. Gleich am nächsten Tag lancierte er die Unterschriftensammlung für eine Petition, die mittlerweile mehr als 13'500 Menschen in der Schweiz unterstützt wird. In Briefen verlange er vom Bundesrat mehr Evidenz, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit in der Coronakrise. «Eine substanzielle Antwort, die sich mit meinen Fragen beschäftigt, erhielt ich von unserer Landesregierung bis heute nicht», stellt Hess fest, «das finde ich – in einem demokratischen Vorzeigestaat wie der Schweiz – sehr bedenklich.»

«Menschen mit Respekt und Achtung zu begegnen, auch wenn sie eine völlig andere Meinung haben.»

Die Coronakrise beinhalte aber auch etwas Gutes: eine grosse Chance für einen weltweiten Gesellschaftswandel. Die Chance, aus einer egozentrischen in eine kooperative und dem Gemeinwohl dienende Haltung zu kommen. Zu lernen, wie wichtig Gemeinschaften und Beziehungen sind. Wie wichtig es ist, seinen Mitmenschen mit Respekt und Achtung zu begegnen, auch wenn sie eine völlig andere Meinung haben. Zu erkennen, wie wichtig die eigene Gesundheit und die des Planeten für unser Überleben ist. «Wir können Viren weder bekämpfen noch verhindern. Aber wir können lernen, mit ihnen zu kooperieren und mit ihnen zu leben», sagt Hess. «Was wir in der Beziehung zu anderen Menschen lernen müssen, sollten wir auch in der Beziehung zu allen Lebewesen lernen. Sie sind Bestandteil der Natur  und die Natur war noch nie unser Feind.»